Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


Einleitung

1. Persönliches Interesse

Es ist mir wichtig, mit meiner Diplomarbeit ein Thema zu bearbeiten, das sowohl konkreten Bezug zur Lebenswirklichkeit von Menschen, als auch potentielle gesellschaftliche Relevanz besitzt. Da ich mich im Studium mit Forschung über Geschlechter und Geschlechterverhältnisse auseinandergesetzt habe, stand fest, dass das Thema meiner Diplomarbeit in diesem Bereich liegen sollte. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Begriff, der in der Gesellschaft so bekannt und existent ist, wie der Begriff der Freundschaft. Sie ist so allgegenwärtig und der Großteil der Menschen hat Freunde. In der Antike spielte Freundschaft schon eine große Rolle und verschiedene Philosophen dieser Epoche haben sich mit ihr beschäftigt, u. a. Aristoteles und Cicero. Auch im 18. Jahrhundert, der Epoche der Romantik, wurde der Freundschaft eine große Bedeutung beigemessen. Im Zuge der Individualisierungsschübe des letzten Jahrhunderts, den damit zusammenhängenden neuen Unsicherheiten und dem Verlust der traditionellen Bindungen bekommt die Freundschaft wieder eine neue Bedeutung. Freundschaft ist ein breit gefächertes Phänomen mit vielen Gesichtern und Facetten. Sie ist nicht nur ein Phänomen zwischen Menschen, sondern ist auch in Bezug auf die Gesellschaft und auf die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse zu betrachten. Was brachte mich nun dazu, die gleichgeschlechtliche Freundschaft, also die Freundschaften zwischen Männern und die Freundschaften zwischen Frauen einer genaueren Untersuchung zu unterziehen?




Bei der Recherche zu diesem Thema bin ich auf eine Konstruktion eines Modells der gleichgeschlechtlichen Freundschaft gestoßen, das von der Dominanz der Männerfreundschaft geprägt ist. In Gesellschaften vergangener Epochen herrschte anscheinend die Ansicht, dass nur Männer zu wahrer Freundschaft fähig seien. Freundschaften zwischen Frauen wurden abgewertet. Frauenfreundschaften gab es meines Erachtens schon immer und waren für die Beteiligten wichtig, wahrscheinlich wurde ihnen aber die gesellschaftliche Anerkennung nicht zuteil. Diese Abwertung der Frauenfreundschaften kommt einer generellen Abwertung der Frauen gleich. Die Geschlechter werden hier aufgeteilt und bekommen einen unterschiedlichen Status zugeordnet. Wenn man unterstellt, dass die traditionellen Geschlechterrollen in der Gesellschaft zu einer solchen Abwertung von Frauen geführt haben, dann gibt das den Anstoß, Frauen- und Männerfreundschaft im Kontext der Geschlechterrollen in der Gesellschaft zu untersuchen. Hier ist ein interessanter Ansatzpunkt, denn die traditionellen Geschlechterrollen unterliegen einem Wandel, bedingt durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Man könnte hier einen Zusammenhang postulieren zwischen sozialem Wandel und dem damit einhergehendem Wandel der Geschlechterrollen und der Veränderung des Modells von gleichgeschlechtlichen Freundschaften.



2. Erläuterung des Themas

Diese Arbeit soll einen Überblick über Männer- und Frauenfreundschaften und deren Stand der Forschung in der Literatur bieten. Herauszufinden, welches Modell von Männer- und Frauenfreundschaften in der heutigen Literatur vorherrscht, gilt mein Interesse. In diesem Rahmen soll deutlich werden, ob sich die traditionelle These der wahren Männerfreundschaft und der Unfähigkeit der Frauen zu Freundschaft bewahrheitet. Diese These möchte ich vor dem Hintergrund traditioneller Geschlechterrollen und deren Wandel untersuchen. Wenn sich die Geschlechterrollen gewandelt haben, müsste auch ein Wandel des traditionellen Modells der Männer- und Frauenfreundschaften zu bemerken sein. Den Vergleich der Geschlechter in dem heute vorherrschenden Modell von Männer- und Frauenfreundschaften möchte ich des Weiteren dafür nutzen, um Unterschiede zwischen Männern und Frauen und Geschlechterstereotype in der Gesellschaft darzustellen, falls diese hier zum Ausdruck kommen. Ich erhoffe mir von der Arbeit, dass in der Gesellschaft bestehende Geschlechterrollen und Geschlechterstereotype am Beispiel der gleichgeschlechtlichen Freundschaft gut erklärt werden können.



Die untersuchungsleitende Hauptfrage ist also:
In welchem Zusammenhang stehen das traditionelle und moderne Modell von gleichgeschlechtlicher Freundschaft mit den Geschlechterrollen in der Gesellschaft?
Und worin unterscheiden sich Männer- und Frauenfreundschaften?



3. Arbeitsplan

Um diese Fragen beantworten zu können, werde ich wie folgt vorgehen. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Geschlechterrollen in der Gesellschaft und deren Einfluss auf Männer- und Frauenfreundschaften.
Im zweiten Teil wird genauer auf das Modell der Männer- und Frauenfreundschaften eingegangen, das heute besteht, um Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu zeigen.

Im ersten Kapitel möchte ich den Leser einleitend mit dem Begriff Freundschaft bekannt machen, seine Komplexität veranschaulichen und einige Definitionen nennen, weil der Begriff so vielschichtig ist und man mit ihm nur arbeiten kann, wenn er genau definiert ist. Dann sollen auch die Funktionen von Freundschaft für das Individuum in der heutigen Gesellschaft zur Sprache kommen, um die Relevanz von Freundschaft zu veranschaulichen. Des weiteren sollen noch einige allgemeine Aussagen über Freundschaft im Zusammenhang mit Alter und sozialer Schicht gemacht werden. Bei der Abwertung der Frauenfreundschaft, die eingangs beschrieben wurde, liegt eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern vor, die mit unterschiedlichem Status verbunden ist.

Das zweite Kapitel dient dem Erklärungsversuch, wie diese Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern entstanden sind. Dazu werden verschiedene Theorien und Konzepte herangezogen. Die Entstehung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern soll zeitgeschichtlich und theoretisch eingeordnet werden. Des Weiteren sollen interdisziplinäre Ansichten dargestellt werden, die die Entstehung von geschlechtspezifischem Verhalten und der Geschlechtsrollenübernahme erklären.

Das dritte Kapitel soll diese Abwertung der Frauenfreundschaft genauer darstellen. Außerdem werden traditionelle Geschlechterrollen, in deren Rahmen diese Abwertung stattfand, beschrieben und erklärt. So soll ein Eindruck des lebensweltlichen Kontextes der Menschen einer Gesellschaft entstehen, in der die Frau neben dem Mann abgewertet wurde. In der Einleitung habe ich erwähnt, dass ich, bedingt durch den sozialen Wandel auch einen Wandel der Geschlechterrollen und somit des Modells der Männer- und Frauenfreundschaften vermute. Auf diesen Wandel der Geschlechterrollen und die verschiedenen beeinflussenden Strömungen soll im Kapitel viergenauer eingegangen werden.

Im fünften Kapitel wird das Modell von Männer- und Frauenfreundschaften, das in der heutigen modernen Zeit besteht, einer genaueren Untersuchung unterzogen. Dadurch und durch einen Vergleich der Männer- und Frauenfreundschaften soll überprüft werden, ob sich die Veränderung der Geschlechterrollen auf Männer- und Frauenfreundschaften auswirkt. Des weiteren soll dieses Kapitel dazu dienen Männer und Frauen zu vergleichen im Hinblick auf Geschlechterstereotype und ihre Wirkungen in Freundschaften.

Das sechste Kapitel dient der Erklärung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern im heutigen Freundschaftsmodell. Dabei soll deutlich werden, welche Aspekte geschlechtsspezifisch die Qualität von Männer- und Frauenfreundschaften beeinflussen können.

Kapitel sieben bietet einen Exkurs zu der gegengeschlechtlichen Freundschaft, da ich denke, dass auch interessant ist, welche Rolle die Freundschaft zwischen Männern und Frauen im Zusammenhang mit der traditionellen These der einzig wahren Männerfreundschaft und der Unfähigkeit der Frauen zu wahrer Freundschaft spielt.
Das achte Kapitelsoll eine Zusammenfassung beinhalten und einen Ausblick auf mögliche Entwicklungen hinsichtlich der Geschlechterrollen und Männer- und Frauenfreundschaft.