Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


VII. Exkurs: Gegengeschlechtliche Freundschaft

Es gibt durchaus auch Freundschaften zwischen Männern und Frauen. Diese widerlegen auch die Unterstellung der Männer-Dominanz von Freundschaften und Unfähigkeit von Frauen für Freundschaften. Ist das vielleicht ein Indikator dafür, dass sich die Geschlechterrollen gewandelt haben und sich Geschlechterstereotype angleichen, und Mann und Frau somit auch gleichwertige Partner in Freundschaften sein können? Anscheinend sehen sich die Freunde hier auch als guten Gegenpart zum gegenseitigen persönlichen Austausch.


Wie aber passt das mit den oben herausgearbeiteten Geschlechterstereotypen zusammen, wonach Männer und Frauen anscheinend ganz andere Vorstellungen und Erwartungen von Freundschaften haben, aber auch generell unterschiedliche Fähigkeiten für Freundschaften?


Dieser Frage möchte ich in diesem kleinen Exkurs auf den Grund gehen. Zu gegengeschlechtlicher Freundschaft gibt es Arbeiten, die meist gleichzeitig in Veröffentlichungen über Freundschaft und gleichgeschlechtliche Freundschaft zur Sprache kommen (vgl. u.a. BELL 1985; ARGYLE & HENDERSON 1985; HAYS 1988; O´CONNOR 1992; SEIDLER 1992; WINSTEAD, DERLEGA & ROSE 1997). Aber es gibt auch Arbeiten, die sich ausschließlich mit der gegengeschlechtlichen Freundschaft beschäftigen (vgl. u.a. TREADWELL 1992; MONSOUR 2001; WERKING 1997). In der deutschsprachigen Literatur finden sich weniger Arbeiten (vgl. u.a MÖNKEMEYER & NORDHOFF 1993).


Die Geschlechterrollen haben sich also verändert, wie im vorangegangen Abschnitt erörtert wurde. Frauen sind nicht mehr so niedrig gestellt, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen haben sich gewandelt, wie auch BECK-GERNSHEIM erwähnt:
"...Verbindung zwischen Mann und Frau, die nicht mehr, wie in der vorindustriellen Gesellschaft, vorwiegend auf den materiellen Anforderungen der Existenzsicherung sich gründet Komplementarität der als gegensätzlich definierten Geschlechtercharaktere, die im Kern immer auch Unterordnung der Frau meint; stattdessen jetzt eine Verbindung, die auf Geistesverwandtschaft sich gründet, vorsichtiger formuliert, auf der ebenbürtigen Partnerschaft zweier Personen, die sich in Charakter und Lebenseinstellung innerlich nah sind." (Dies. 1990: 84).


Auf einer Internetseite des Deutschlandsradios wird die These des Abbaus der Wichtigkeit der Geschlechterrollen unterstützt. Dort steht, dass ein neues Wertesystem in gegengeschlechtlichen Freundschaften existiert. Man ersetzt die Kategorie "Mann/Frau" durch die Kategorie "Mensch". 31



7.1 Soziale Einschränkungen

Die gegengeschlechtliche Freundschaft unterlag vor dem 20. Jahrhundert sozialen Einschränkungen. Einmal wäre da das Klischee, dass Frauen nicht zu Freundschaft fähig sind. Wie sollten sie da erst zu Freundschaften mit Männern fähig sein?


Die Unterstellung war auch, dass dabei kein intellektuelles Gleichgewicht herrschen könnte. Frauen wurden von Männern in ihrem Denken gar nicht verstanden, so dass gar keine einheitliche Ebene für eine Beziehung da war. ".there is something mysterious and oracular about the woman`s mind which inspires instinctive deference and puts it out of the question to judge what she says by masculine standards." (BELL 1985: 96), sagte der Philosoph SANTAYANA auf den sich BELL beruft.


Die Vorstellung einer Möglichkeit, dass Männer und Frauen eine nicht-sexuelle Beziehung führen könnten war in der sozialen Realität noch gar nicht vorhanden.


Seit dem 20. Jahrhundert ist die gegengeschlechtliche Freundschaft mehr oder weniger akzeptiert, aber eher bei jungen, unverheirateten Menschen. Verheiratete Beziehungen bieten ein Tabu für gegengeschlechtliche Freundschaften. Laut BELL (1985: 97) sagen die sozialen Normen von Freundschaft, dass die Heirat alle freundschaftlichen Beziehungen zum anderen Geschlecht ausschließt.

Wenn eine verheiratete Frau einen männlichen Freund hat, wäre das ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie in ihrer Beziehung zum Mann nicht alles bekommt, was sie braucht. Bei einer Freundin wäre das nicht der Fall, denn da hat die potentielle Sexualität keine Relevanz. Die sexuelle Anziehungskraft spielt also eine nicht unwichtige Rolle, denn immerhin handelt es sich auch bei Freundschaften um männliche und weibliche Wesen. ".the possibility of sex-involvement is another factor, that strongly influences the development of cross-sex friendships." (Ders. 1985: 97).


Es besteht eine geläufige Meinung und meiner Meinung nach auch ein Vorurteil, dass Männer und Frauen Liebhaber sein können, aber keine Freunde. Männer würden immer versuchen die Freundschaft für sexuelle Zwecke auszunutzen. Die Wahrscheinlichkeit von gegengeschlechtlicher Freundschaft ohne sexuelle Involvierung ist umstritten laut BELL. Sexuelle Anziehungskraft sei immer vorhanden. Die Sexualität wird als unkontrollierbar dargestellt und die Partner einer gegengeschlechtlichen Freundschaft würden früher oder später immer vor dem Problem der sexuellen Anziehungskraft stehen.


BELL meint zu diesem Problem, dass man fähig sein müsste, die Freundschaft zum anderen Geschlecht von einer sexuellen Beziehung zu trennen. Es haben sich Tabus über gegengeschlechtliche Freundschaften verbreitet, so dass somit die Chancen für dieselbe eingeschränkt wurden. Die Freundschaft zum anderen Geschlecht wurde als sozial und persönlich erniedrigend angesehen in der Gesellschaft. Diese Einstellung war mehr bei Männern vorhanden, wegen ihrer traditionellen Glauben über Frauen.:"this is more common among men than women, because of traditional male beliefs about female inferiority." (Ders. 1985: 103).


Die traditionelle Einstellung der Männer zu Frauen, hat es gar nicht möglich gemacht, dass Männer sich vorstellen konnten, mit Frauen einen persönlichen Diskurs zu führen. Die Meinung eines 39-jährigen Mannes kann das veranschaulichen.: "I think all this talk about men and women being friends is so much crap. I`m not interested in friendship with women, I get that from my buddies, Life really is very simple: men are for friendships and women are for fucking." (Ders. 1985: 104).


WINSTEAD, DERLEGA & ROSE (1997) sehen die Barrieren der Gegengeschlechtlichen Freundschaft in drei wichtigen Punkten:


  • Konfrontation der Sexualität
  • Geschlechterungleichheiten
  • Beziehung in Öffentlichkeit zu präsentieren


  • Nach HAYS (1988: 404) Ansicht gibt es verschiedene Gründe für die Vernachlässigung der gegengeschlechtlichen Freundschaft. Zum einen nennt er soziale und berufliche Strukturen, die verhindern, dass Menschen verschiedenen Geschlechts sich treffen. Zum anderen verhindern soziale Normen gegengeschlechtliche Freundschaften angesichts ehelicher Beziehungen. Er unterscheidet gegengeschlechtliche Freundschaft und gleichgeschlechtliche in der sexuellen Tendenz, der sozialen Entmutigung und den Geschlechterunterschieden bei gegengeschlechtlichen Freundschaften. Gegengeschlechtliche Freundschaften seien weniger stabil, meint HAYS.


    Nun kann sich aber das Potential für gegengeschlechtliche Freundschaft sehr vergrößert haben durch den Wandel der Geschlechterrollen. Das liegt u. a. daran, dass Männer und Frauen ähnlichere Lebensgestaltungen haben, und sich die traditionellen Vorstellungen von Männern über Frauen geändert haben. "In general this means greater equality of women and men and therefore a greater potential for friendship." (Ders. 1985: 112).


    Auch HAYS sieht heute die Chance einer Zunahme der Freundschaften zwischen den Geschlechtern, bedingt durch den sozialen Wandel und dem damit verbundenen Wandel der Geschlechterrollen. "With the societal relaxation in sex-roles and increase of women in the workforce, the incidence of cross-sex friendships will surely increase, and their functioning perhaps change." (Ders. 1988: 404).





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    31 Vgl. Lamsfuß, Karin: Meine beste Freundin ist ein Mann.     http://www.dradio.de/dlr/sendungen/kompass/2246677,
        Stand: 18.03.2004