Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


6.6 Geschlechtsspezifische Sozialisation

Laut RENDTORFF (2003: 31) umfasst Sozialisation alle Prozesse, in denen das Normen- und Wertesystem, die Regel und Erwartungen der Gesellschaft tradiert werden und von der jungen Generation eine gewisse Anpassung eingefordert wird. Dieser Prozess unterscheidet sich je nach Zeit, Geschlecht, sozialer- und Bildungsschicht. Erwartungen die mit der jeweiligen Geschlechterrolle verknüpft sind, werden während der Sozialisation erlernt.



6.6.1 Einfluss der Eltern

Psychologen und Soziologen gehen davon aus, dass das Kind nach der Geburt eine engere Beziehung zur Mutter hat, da in vielen Gesellschaften fast ausschließlich Fürsorge und Beziehung in der ersten Zeit nach der Geburt durch die Mutter gewährleistet wird. Damit das Kind ein Bewusstsein seiner selbst entwickeln kann, muss die enge Verbindung zur Mutter gelöst werden. Laut CHODOROW (1985) ist dieser Ablösungsprozess bei Jungen und Mädchen verschieden. Mädchen bleiben den Müttern näher als Jungen. Durch diese bestehende Nähe zur Mutter könnte das Mädchen oder die erwachsene Frau ein Gefühl persönlicher Identität haben, das mehr Kontinuität und Nähe zulässt als das bei Jungen oder Männern der Fall ist. Sie definiert sich dann mehr durch andere Personen und ihre Beziehung zu ihnen.


Daraus ergeben sich für CHODOROW (1985: 108 f.) bei Frauen Eigenschaften wie Sensibiliät und emotionales Mitfühlen. Allerdings wird hier auch der wichtige Aspekt der weiblichen Geschlechterrolle aufgedeckt, der besagt dass die Frauen in ihrer Beziehung zum Mann definiert werden, bzw. ihre Identität nur in Bezug zum Mann finden. Durch das bemuttern der Töchter empfinden sich Mädchen weniger als Jungen als separate Wesen. Sie lernen sich selbst mehr in Beziehung zu anderen zu definieren. Ihre verinnerlichten Beziehungsstrukturen werden komplexer und facettenreicher, was sich später in den Freundschaften widerspiegeln kann. Jungen dagegen erlangen ein Gefühl persönlicher Identität durch eine radikalere Ablösung von der Mutter und ihrer ursprünglichen Nähe. Das Verständnis von Männlichkeit erhalten Jungen von allem, was nicht weiblich ist.


Das Männliche ist also durch einen Verlust der engen und kontinuierlichen Verbundenheit mit der Mutter definiert. Die männliche Identität wird durch Trennung gebildet und so spüren Männer später unbewusst, dass ihre Identität bedroht ist, sobald sie mit einer Person emotional eng verbunden sind. Bei Frauen ist das Gegenteil der Fall: Die Abwesenheit einer engen emotionalen Beziehung zu einer anderen Person bedroht ihre Identität.



6.6.2 Einfluss von Peergroups und Kinderfreundschaft

Als Peergroups werden die losen Gruppen von etwa Gleichaltrigen bezeichnet, die als typische Gesellungsform die Sozialwelt der Kinder und Jugendlichen kennzeichnen. (RENDTORFF 2003: 142) Sie bezeichnet als wichtigste Funktion der Peergroups, dass sie ein Gegenmodell zur Eltern-Kind-Beziehung bieten, das einen anderen Typus als familiäre Beziehungen darstellt. Peergroups gelten somit auch als eigene Sozialisationsinstanz, die Normen und Werte der Gesellschaft den heranwachsenden Kindern vermitteln.


RAWLINS (1992: 35) fand heraus, dass die Geschlechterausrichtung in Freundschaften bei Kindern schon vor dem zweiten Lebensjahr stattfindet. Das Geschlecht spielt eine große Rolle in Kinderfreundschaften. Der gleichgeschlechtliche Spielkamerad/in ist der/die gut bekannte gleiche Andere. Die Präferenz für gleichgeschlechtliche Freundschaft zieht sich durch die Kindheit und das Interesse am anderen Geschlecht taucht erst wieder in der frühen Jugend auf.


Bei SALISCH (1991: 4 f.) wird die Lernmöglichkeit unterstrichen, die Kinder in Freundschaften haben. Damit sind nicht nur die Lernmöglichkeiten bezüglich Geschlechterrollen gemeint, sondern auch die Funktionen von Freundschaften, die unterschiedliche Kompetenzen erfordern und meist geschlechtsspezifisch sind.


Kinder lernen außerdem durch die sozialen Beziehungen zur Familie genau wie zu Gleichaltrigen und Freunden kulturspezifische Darbietungsregeln von Gefühlen, die besagen, wer wann wo wem gegenüber welches Gefühl ausdrücken darf. Es sind Regeln die der Sozialschicht, dem Geschlecht und der Familie zu eigen sind. Dadurch lernen Kinder geschlechtsspezifisches Ausdrücken von Gefühlen. Die Tendenz zu gleichgeschlechtlichen Spielkameraden und Freunden habe Auswirkungen auf den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Freunden im Erwachsenenalter, so RAWLINS (1992: 37).


Er deutet diese Geschlechterunterschiede der Intimität von Kinderfreundschaften auf verschiedenen Wegen:
Auf der einen Seite können sie einen Mangel an Erfahrungen und der damit konsequent begrenzten Entwicklung von Eigenschaften und Fähigkeiten für Emotionalität in gleichgeschlechtlichen Freundschaften von Männern durch ihr ganzes Leben bedeuten. Es kann aber auf der anderen Seite auch dazu führen, dass Männer Intimität ganz anders empfinden und definieren als Frauen.
WINSTEAD, DERLEGA & ROSE (1997:111) bestätigen das indem sie von einem Zusammenhang sprechen zwischen den Geschlechtsunterschieden in Freundschaften und der Geschlechtersozialisation. Mädchen sind in der Sozialisation voneinander abhängig, kooperativ und emotional zu anderen Mädchen. Jungen dagegen sind unabhängig, konkurrenzartig und dominant. Beide Geschlechter lernen unterschiedlich, was in Freundschaft wichtig ist. Kinder lernen nur in ihrem eigenen Geschlecht zu interagieren, behaupten WINSTEAD, DERLEGA & ROSE.


Die geschlechtsspezifische Sozialisation hat einen großen Einfluss darauf, wie sich ein Individuum in Freundschaften verhält. Geschlechterrollen werden tradiert durch die Orientierung der Kinder am gleichgeschlechtlichen Elternteil. Kinder neigen bis zur Adoleszenz eher dazu, mit gleichgeschlechtlichen Freunden zu spielen. Da das Spiel der Mädchen mehr von Intimität geprägt ist als das der Jungen und Jungen schon früher auch eine größere Anzahl von Spielkameraden bevorzugen, lernen sie nicht so leicht wie Mädchen, was Intimität in Freundschaften bedeutet, bzw. lernen eine andere Form der Intimität. Geschlechtspezifische Merkmale werden Kindern aber auch durch Medien, wie Kinderbücher oder das Fernsehen vermittelt.