Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


6.5 Geschlechterstereotype


In Kapitel 2.2 wurden Geschlechterstereotype als gesellschaftliche Vorstellungen über "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" definiert. Sie sind die geschlechtstypischen Merkmale des Verhaltens der jeweiligen Geschlechterrolle.


Die Geschlechterstereotype, die man in Männer- und Frauenfreundschaften findet, entsprechen weitgehend den Geschlechterstereotypen, die allgemein als Eigenschaften für "männlich" und "weiblich" in der Gesellschaft gelten. Frauen werden in ihren Freundschaften als affektiv und sozial beschrieben und Männer als instrumental und aufgabenorientiert. Die Stereotype von weiblichen Eigenschaften, wie einfühlsam, emotional, altruistisch und personenbezogen, sind für enge Freundschaften vorteilhafter, als die Stereotype von männlichen Eigenschaften, wie sachlich, rational, unabhängig oder wettbewerbsorientiert. Daraus kann man schließen, dass diese traditionellen Vorstellungen von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" den Menschen in seinen Verhaltensmöglichkeiten auf wichtigen Gebieten, wie in der Freundschaft einschränken, was hier bei der Männerfreundschaft deutlich wird.


BRÜCKNER (2001: 122 f.) sieht die Dimensionen des Fühlens und Handelns zusammenhängend mit den gesellschaftlich herrschenden Konstruktionen der Geschlechter- und Generationsverhältnissen, und individuell gesehen, mit den Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit. In den sozialen Institutionen und Einrichtungen spiegeln sich die Geschlechterarrangements wider, indem sie Männern und Frauen verschiedene spezifische Aufgaben und Fähigkeiten zuweisen, die Grenzüberschreitungen erschweren. Die konstruierten Geschlechterbilder verbinden die Weiblichkeit mit Fürsorge und die Männlichkeit mit Herrschaft und Macht. Daher kann es auch für die gleichgeschlechtliche Freundschaft bedeuten, dass Männer und Frauen Probleme haben, sich aus ihrer vorgegebenen Rolle zu befreien. Männer haben vielleicht auch die Fähigkeit zur Fürsorge, haben aber die "Männlichkeitsrolle" so verinnerlicht, dass es ihnen schwer fällt, diese zuwider zu handeln.


Zur Erklärung:
In verschiedenen geistesgeschichtlichen Denkströmungen entwickelte sich das Legitimations- und Orientierungsmuster dieser Geschlechtscharaktere. Dadurch wurden Mann und Frau wesensmäßig verankert, indem man ihnen zueinander komplementäre Eigenschaften zuwies. So entstand eine Geschlechterordnung, die in kultureller und historischer Übereinkunft die sozialen Beziehungen der Menschen im Hinblick auf die Geschlechter und ihre Rollen regelt. Eine Geschlechterordnung gilt als Orientierungshilfe für relative Dauer. Sie funktioniert nur so lange wie sie innerhalb einer Gesellschaft mit anerkanntem Sinn belegt ist.

Vollziehen sich also Veränderungen in der Gesellschaft, kann das auch Veränderungen innerhalb der Geschlechterordnung mit einschließen. So können sich neue Vorstellungen entwickeln bezüglich der Geschlechter, während auch alte Denkmuster weiter bestehen. (vgl. RENDTORFF 2003)

Geschlechterstereotype der alten Denkmuster können also weiter bestehen, obwohl durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse ganz andere und neue Vorstellungen von den Geschlechtern aufkommen. Deshalb spiegeln Geschlechterstereotype nicht immer die Realität wider, sondern können, im Gegenteil sogar neuen Entwicklungen entgegenwirken.


Den Fokus auf Männer- und Frauenfreundschaften gerichtet verhalten sich Männer und Frauen in ihren Freundschaften, wie sie in der Literatur dargestellt werden, stereotyp. Die Geschlechterstereotype geben in der Gesellschaft an, welche Merkmale für ein dem Geschlecht angemessenes Verhalten gelten. Sie können aber auch Barrieren bedeuten, z. B. für enge Männerfreundschaften. Männer müssen hart und konkurrenzbereit sein. Das hindert sie an intimer enger Freundschaft. Man könnte auch schlussfolgern, dass das Bild, das in der Literatur von Männer- und Frauenfreundschaften vermittelt wird, nicht der Realität entspricht, sondern den Erwartungen an die Geschlechter, obwohl sich die Vorstellung von ihnen schon gewandelt hat.