Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


6.4 Barrieren


Einige Aspekte, die der Intimität und Selbstenthüllung in Männerfreundschaften im Wege stehen wurden schon genannt. Darauf soll nun genauer eingegangen werden.


6.4.1 Verlust der Intimität

Bis vor 200 Jahren wurde man in Intimität hinein geboren, lebte und arbeitete in ihr und niemand war allein, argumentiert MILLER (1986: 34). Er beruft sich dabei auf die damals bestehenden Formen des Zusammenlebens aufgrund der wirtschaftlichen Situation. Familien lebten mit mehreren Generationen und Angestellten zusammen in einem Haus, verbunden durch die Arbeit im Hof oder Betrieb, was MILLER anscheinend als Intimität definiert.


Meines Erachtens kann man dieses enge Zusammenleben nicht gleichsetzen mit Intimität in Freundschaft. Es war eher ein familiäres Verhältnis, was durch gemeinsame Aufgaben zusammengeschweißt war. Man kann vielleicht begrenzt einen Zusammenhang zwischen der Intimität postulieren, die in einem Haus geherrscht hat, und demzufolge daraus gelernte Fähigkeit zu Intimität in Freundschaften. Doch denke ich auch nicht, dass das Leben damals in einem Haus von hoher Intimität im Sinne von enger Freundschaft der Mitglieder geprägt war.


MILLER (1986: 36 f.) macht die Marktwirtschaft verantwortlich für den Abbau der Intimität. Der Mensch wurde zum Wirtschaftsfaktor. Seine Welt schwankte nach den Regeln des Marktes. Er ging dorthin, wo sein Wert am größten war, konnte aber nur die Kernfamilie mitnehmen. Dadurch konnte die Intimität, die im Haus zu finden war, verloren gehen.



6.4.2 Wettbewerb

Ein wichtiges Kriterium ist der Wettbewerb. Der Konkurrenzaspekt wird von vielen Autoren genannt (BELL 1981; SEIDLER 1992; REID & FINE 1992; STIEHLER 2003). Männer stehen demnach ständig in Konkurrenz zu ihren Kollegen, Freunden, Freizeitpartnern. Sie müssen sich oft beweisen, wer der Bessere ist. Allein schon der Einstieg in das Berufsleben beeinflusst Männerfreundschaften maßgeblich, wie KRACAUER (orig. 1917, 1971: 72 f.) beschreibt:
Im jüngeren Alter ist es eine tiefe Verbindung, die auf der Erörterung von Plänen und Träumen beruht und auf tief schürfenden Gesprächen über Fragen der Welt. Nach dem Eintritt in den Beruf und der Gründung einer Familie, wächst die Freundschaft auseinander und bezieht sich nicht mehr auf das ganze Wesen, weil die Umstände kein längeres gegenseitiges Verweilen und in die Tiefe gehen erlauben. Leben und Handeln vollziehen sich immer mehr in getrennten Bereichen. 27


Durch verschiedene Schicksale und Lebensläufe sind die Freunde auseinandergekommen, haben verschiedene Berufe und führen ein getrenntes Leben, in das der Freund wenig oder gar nicht eingreift, argumentiert KRACAUER. Der gegenseitige Einfluss ist gering. Aber was den Bund unzertrennlich mache, ist die Vergangenheit. Der Schwerpunkt des Verhältnisses habe sich verschoben. Jetzt wollen die Freunde Loslösung vom Alltag, Erholung und Erbauung in ihrer Freundschaft. KRACAUER sieht darin keine Förderung und große Erlebnisse mehr.


BELL (1981: 84) schreibt, dass Männer sich ständig etwas beweisen müssen, wer etwas besser kann. Durch die Konkurrenz denkt der Mann, dass er sich nicht öffnen darf, damit ein anderer nichts gegen ihn in der Hand habe. Zumindest in der Arbeitswelt, bzw. besonders dort treffe das zu. Darin stimmt SEIDLER mit ihm überein, indem er schreibt, dass Männer nicht gern über ihre Gefühle reden, weil das gegen sie verwendet werden könnte. Distanz in der Freundschaft macht sicherer.
"The inescapability of competition seems to undermine our relationships with men." (Ders. 1992: 18).


AMSTUTZ berichtet auf einer Internetseite zu Freundschaften von einem Buch der amerikanischen Feministin FRENCH, die sich sicher ist, dass die extreme Konkurrenz der Männerwelt die Männer lehrt einander zu fürchten und zu misstrauen. Deshalb mögen zwar viele Männer Kameraden haben, mit denen sie trinken und Karten spielen oder Sport treiben, aber darüber hinaus geht es meist nicht tiefer zwischen den Männern. FRENCH schreibt:

"Nahezu alle männlichen Freizeitaktionen sind in irgendeiner Form konkurrenzorientiert. Das Gleiche gilt für die geradezu rituellen Streitgespräche über Fußball, Politik oder die Vorzüge bestimmter Autos, Fotoapparate und Rasenmäher" 28


REID & FINE (1992) betonen ebenfalls, dass in allen Dingen, die Männer gemeinsam tun, der Wettbewerb eine große Rolle spielt. Bei Frauen dagegen spielen andere Dinge eine Rolle. Dort ist die Selbst-Enthüllung akzeptiert im Gegensatz zu den Männerfreundschaften. "The competitive characteristics of male-friendship appear to be entwined with wheather they will share feelings or personal aspects of their lives." (Dies. 1992: 139)


Außerdem beeinflusse der Erfolg des Freundes das Selbstwertgefühl und die Selbsteinschätzung negativ. "Sometimes it is as if we would prefer not to knowhow our friends are doing, because we end up feeling bad that we cannot in an uncomplicated way feel good for them. We would want to wish them well, but somehow we find it hard to do." (SEIDLER 1992: 18).


Für viele Männer nimmt die Arbeit im Leben so einen hohen Stellenwert ein räumlich und zeitlich, dass sie kaum noch Zeit für Freundschaft haben. Männer investieren oft mehr in ihre Arbeit und können ihre Sozialbeziehungen leicht beiseite stellen, weil ein so großer Teil ihrer Identität in der Arbeit steckt (vgl. u. a. BELL 1981; SEIDLER 1992).

SEIDLER (1992: 17) bemerkt, dass Männerfreundschaften früher viel leidenschaftlicher waren und sieht die Ursachen dieser konstanten Schwächung durch den Wettbewerb, den Neid und die Eifersucht in unserer modernen Gesellschaft. Männer haben Angst über ihre Gefühle zu reden. Er betont dabei das Konkurrenzdenken, das bei Männern sehr stark ausgeprägt sei. Würden Männer all ihre Gefühle und Ängste voreinander ausbreiten, würden sie sich damit vor dem anderen verletzlich machen.


Bei FALTIN & FATKE (1997) kann man lesen, dass Männer ein Misstrauen gegen ihre eigenen Geschlechtsgenossen, die als Konkurrenten und Gegner gesehen werden, hegen würden. Durch das größere Konkurrenzdenken bei den Männern können sie nicht so leicht vertrauen, weil sie eventuell öfter versteckte Motive in freundschaftlichen Handlungen sehen und deshalb misstrauen, statt zu vertrauen.



Oben wurde erwähnt, dass es auch Konkurrenz in Frauenfreundschaften gibt. Sie ist allerdings ganz anders zu betrachten als männliche Konkurrenz. Dabei möchte ich auf EICHENBAUM & ORBACH zurückgreifen, die das unterschiedliche Konkurrenzverhalten wie folgt beschreiben:
"Frauen suchen ihr Selbst, indem sie sich auf andere beziehen. Männer suchen ihr Selbst, indem sie sich von anderen unterscheiden." (Dies. 1991: 120).

Das impliziert, dass Frauen das Anderssein als Bedrohung ihrer eigenen Identität empfinden. Konkurrieren ist für Frauen eine aufwühlende, beängstigende Erfahrung und sie gehen Konkurrenzsituationen möglichst aus dem Weg. Während Konkurrenz für Männer normal ist und zum Lebensalltag dazugehört. Bei Frauen ist das Gefühl zwar da, aber sie verdrängen es eher als ein unangenehmes Gefühl, während Männer es eher ausleben und Konsequenzen daraus ziehen.

6.4.3 Emotionalität

Viele Autoren sehen in der traditionellen Männerrolle begründet, dass sich Männer nie richtig voreinander öffnen würden. Zum Beispiel BELL bezeichnet dies als die traditionellen Männerrolle. Männlichkeit brachte einen Stereotyp hervor, basierend auf einer romantischen Vergangenheit. BELL vergleicht ihn mit dem "Marlboro Man", gekennzeichnet durch körperliche, Strenge, Härte und Courage. Er ist der Beschützer der schwächeren Mitglieder der Gesellschaft, der Frauen. Der Stereotyp des Mannes ist ein "richtiger" Mann, ohne Gefühle. "For him manhood is to be seen and acted out, but not to be felt and emotionally expressed." (Ders. 1981: 77).


SEIDLER sieht in dem mangelnden Umgang der Männer mit Emotionen die Ursache für die fehlende Leidenschaft in Männerfreundschaften. ".the difficults we have as men in dealing with the emotional aspects of our relationships." (Ders. 1992: 17).

Männer tendieren dazu, eine Sache allein durchzustehen. Gefühle wie Angst oder Traurigkeit werden verdrängt, statt verbalisiert, sagt Gertrud AMSTUTZ auf einer Freundschafts-Internetseite. 29 Da verwundert es nicht, dass Männer sich lieber bei gemeinsamen Aktivitäten vergnügen, als über Probleme zu reden.



6.4.4 Homophobie

Homophobie wird in der Literatur immer wieder als Barriere für Männerfreundschaften erwähnt (vgl. u.a. BELL 1981; MILLER 1986; DUNDE 1987; REID & FINE 1992).
BELL sagt, dass Freunde Angst vor Homosexualität haben, wenn sie sich emotional näher kommen und sich selbst bewusst damit auseinander setzen. Sie haben wegen dieser Angst sogar Probleme damit ihrem Freund zu sagen, dass sie ihn mögen und finden deshalb andere Wege, um ihnen ihre Zuneigung zu zeigen."When a man says to another ` you are not such a prick after all ´ or `you dumb son-of-a-bitch you are ok´ , they are really saying `I like you´." (Ders. 1981: 83).

MILLER (1986: 157 f.) berichtet in seinem Buch, dass in Amerika und Europa, in jedem Land jeder Mann mit dem er gesprochen hat, über seine Angst vor dem Schwulsein geredet hat.


Männer fürchten sich davor als homosexuell zu gelten. Sie haben keine Probleme zu sagen, dass sie ihre Kinder oder Mutter lieben. Zu sagen, dass sie ihren Freund lieben, würde einem Zugeständnis der Homosexualität gleichkommen. Männer begehen den Irrtum, Männlichkeit mit Heterosexualität und Verweichlichung mit Homosexualität gleichzusetzen. Da verwundert es nicht, dass sie Angst haben Gefühle zu zeigen, da sie ja sonst als schwul gelten könnten, was in unserer Gesellschaft immer noch verpönt ist. In anderen Kulturen, in Vietnam zum Beispiel ist Männerfreundschaft so wichtig, dass sie keine Angst vor Berührungen haben. Homosexualität war und ist heute noch in der Gesellschaft unerwünscht, wird verschwiegen und mit einer Zone des Ekels umzogen.


DUNDE beschreibt Homosexualität als gesellschaftliches Tabu.

"Eine solche Tabuisierung eines Verhaltens verweist nämlich auf den sozialen Zwang, einen bestimmten Charakter zu bilden, der dieses spezifische Verhalten gerade ausschließt." (Ders. 1987: 203).

Als Folge des Tabus können sich Barrieren der Wahrnehmung, des Fühlens, Denkens und Handelns bilden. Männer könnten demnach versuchen, eigene positive Gefühle gegenüber Angehörigen des eigenen Geschlechts abzulehnen bzw. zu leugnen. Bei Frauen scheint diese Angst vor Nähe zum eigenen Geschlecht nicht so verbreitet zu sein. DUNDE (1987: 120 f.) spricht vom Etikettierungsansatz, der davon ausgeht, dass Menschen sich nicht so verhalten wie sie sind, sondern wie andere glauben, dass sie sein müssten. Demnach müssten sich Träger des Etikettes "homosexuell" weibisch, affektiert, unsportlich und schwach verhalten. Männer die nicht homosexuell sind versuchen alles zu tun, um nicht unter das Etikett "homosexuell" untergeordnet werden zu können.


Deshalb zeigen sie auch so unweibliche Eigenschaften in Männerfreundschaften, damit sie in der Beziehung nicht als schwul gelten können. Als Folge bleibt die Freundschaft auf der Strecke. Insofern spielt die Homophobie also eine wichtige Rolle für das Verhalten in Männerfreundschaften.


Der Psychologe BRANDES beschreibt im Stern (4/2001), dass eine Ursache für die Männerrolle in der soldatischen Tradition begründet sei, die sehr homophob ist. Körperliche Nähe sei bei deutschen Männern nur auf die Nähe zu Frauen beschränkt. "..Viele schaffen es nicht einmal, ihre Söhne, vor allem wenn sie älter sind, zu umarmen oder zu küssen, sondern geben ihnen nur die Hand." (Ders. 2001: 46). In anderen Kulturen ist das Küssen der Männer z. B. zur Begrüßung selbstverständlich.


Auf einer Internetseite zu Freundschaften berichtet Gertrud AMSTUTZ über den vierzigjährigen Roger, der zu "Männergruppen" geht, wo Männer gemeinsam kochen und über berufliche und private Probleme reden. In Rogers übrigen Bekanntenkreis wissen aber die wenigsten davon.
" Ich will doch nicht, dass die glauben, ich sei schwul" , rechtfertigt sich Roger. 30


Diese Barrieren, die in der Literatur vermittelt werden, können den Männerfreundschaften im Weg stehen. Männer haben demnach mehr Probleme damit nach Hilfe zu fragen, weil sie Kraft vortäuschen wollen, um der Männerrolle zu entsprechen. Sie leugnen dadurch ihre Bedürfnisse. Männer fragen anscheinend auch nicht gern nach Hilfe, wenn es ihnen nicht gut geht oder sie Rat brauchen. Das ist eine Art von Selbstschutz. Sie leugnen ihre Bedürfnisse und Gefühle, um Kraft vorzutäuschen und ein Image von Selbstgenügsamkeit zu wahren. Der Wettbewerb scheint bei Männern eine große Rolle zu spielen. Sie sehen einander oft, z. B. in der Arbeitswelt als Konkurrenten und haben Probleme Vertrauen aufzubauen. Außerdem haben sie Angst dem Freund zu nahe zu kommen, weil sie dann als schwul gelten könnten. Wenn sie sich zu sehr öffnen, könnten sie angreifbar werden. Zu einer engen Männerfreundschaft gehört also auch Mut sich zu öffnen und den Barrieren zu trotzen? Viele haben diesen Mut vielleicht nicht und geben sich lieber mit einer oberflächlicheren Kumpanei zufrieden.


Zusammenfassend kann man sagen, dass die Intensität der Intimität der größte Unterschied zwischen Männer- und Frauenfreundschaften ist, da Intimität und Vertrauen ausmacht, ob eine Freundschaft eng ist oder nicht. Je intimer und vertrauter die Freunde untereinander sind (sich selbst öffnen, sich gegenseitig emotional unterstützen), desto enger ist eine Freundschaft. Männerfreundschaften können zwar auch intim sein, es gibt bei ihnen aber mehr Grenzen für Intimität als für Frauen.


Die wichtigsten Barrieren sind der Wettbewerb, die Homophobie, Aversion gegen Verletzlichkeit und Offenheit und der Mangel an Rollenmodellen.





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27 KRACAUER bezeichnet diese Freundschaft zwischen Männern im
    fortgeschrittenen Alter als "Feiertagsfreundschaft".
28 Vgl. Amstutz, Gertrud: Die beste Freundin - der beste Freund.
    http://www.vitaswiss.ch/?a=archiv-03-01-1, Stand: 1/2003
29 Vgl. Amstutz, Gertrud: Die beste Freundin - der beste Freund.
    http://www.vitaswiss.ch/?a=archiv-03-01-1, Stand: 1/2003
30 Vgl. Amstutz, Gertrud: Die beste Freundin - der beste Freund.
    http://www.vitaswiss.ch/?a=archiv-03-01-1, Stand: 1/2003