Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


6.3 Intimität und Vertrauen in Männer- und Frauenfreundschaften


Wie oben dargestellt wurde, ist Selbstenthüllung eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Intimität und somit für das Gelingen einer Freundschaft. Kann man also davon ausgehen, dass Männern die Fähigkeit zur Selbstenthüllung fehlt bzw. sie Schwierigkeiten damit haben?


Vertrauen als Vorraussetzung für Selbstenthüllung wird von Männern nicht so leicht entgegengebracht wie von Frauen. Männer können sich nicht so leicht öffnen und über persönliche Angelegenheiten reden wie Frauen.


Selbstenthüllung ist ein Rollenphänomen laut REID & FINE (1992: 149), das bei Männern und Frauen verschieden ist. Für Männer verlangt die Homophobie unserer Gesellschaft einen vorsichtigen Umgang mit anderen Männern und Selbstenthüllung. Zusammensein im Kontext von Aktivitäten ist akzeptabel, aber nicht einfach nur so zusammen sein.


O`CONNOR (1992: 30) schreibt, dass die Definition der Männer von Intimität durch Aktivitäten teilen, sie effektiv vor Situationen emotionaler Verletzbarkeit und Kontrollverlust schützen würde.

SEIDLER (1992: 27) ist der Meinung, dass Männer nicht richtig wissen, wer der andere eigentlich ist und dass wenn sie es wüssten, sich ablehnen würden. Männer wollen die Freundschaft nicht riskieren, indem sie sich selbst zeigen und verletzlich sind.

BIERHOFF & BUCK (1997) führten eine Untersuchung mit dem Ziel durch, soziodemographische Merkmale mit Vertrauen in Zusammenhang zu setzen. Neben "Alter" und "sozialer Schicht", wurde Vertrauen auch in Hinblick auf das Merkmal "Geschlecht" untersucht, indem die Befragten Angaben zu Alter, Geschlecht, Sozialprestige einer bestimmten Zielperson angeben sollten, und die soziale Beziehung zu dieser Person beschreiben sollten. Das Ergebnis war, dass Frauen tendenziell auf einem höheren Vertrauensniveau angesiedelt wurden. (vgl. Dies. 1997: 105) Bezüglich sozialer Schicht ergab sich bei Frauen ein tendenziell höheres Vertrauensniveau in der oberen Schicht und der oberen Mittelschicht. Bei Männern dagegen in der unteren Mittelschicht und der Unterschicht. Das deutet darauf hin, dass der soziale Kontext, in den eine Freundschaft eingebettet ist, einen Einfluss auf die Vertrauensbildung ausübt. Insgesamt wäre aber nach BIERHOFF & BUCK (1997) ein genereller Trend festzustellen, der beinhaltet, dass sich Gleiches gern zu Gleichem gesellt.


Eine Studie von FALTIN & FATKE (1997: 182) untersuchte die Qualitäten von Freundschaften im Geschlechtervergleich. Die Qualitäten von Freundschaften beinhalten laut FALTIN & FATKE die Variable Intimität, die sich aus den Items "sich anvertrauen", "Selbstoffenbarung" und "Selbstentblößung" zusammensetzt. Das Ergebnis war, dass beide Geschlechter hohe Ansprüche an die Intimität der Freundschaftsbeziehung haben, mit dem Unterschied, dass Intimität bei Männern eher an Grenzen stößt. Männer würden die Intimität mit höheren Gefahren und Kosten verbunden sehen. Als Folge von Intimität nannten die Interviewten Schalheit und Überdruss. Eine Rolle spielt auch die Befürchtung, dass eine Preisgabe intimer Informationen zu ihrem Schaden verwendet werden könnte. "Freundschaft scheint für einige Männer ein Ort zu sein, der analog zur Geschäftswelt und zu einer Welt des Kampfes strukturiert ist." (Dies. 1997: 182).


In Frauenfreundschaften stellten FALTIN & FATKE dagegen eine größere Intimität fest. "Frauen stellen im Vergleich zu Männern höhere Ansprüche an Bindung, Intimität, Selbstenthüllung und emotionale Unterstützung in ihren Freundschaftsbeziehungen." (Dies. 1997: 182).


Ein Dresdener Psychologieprofessor sagt in der Zeitschrift STERN:
"Wenn meine Frau vom Tennis-Training nach Hause kommt, erfahre ich alles aus den Familien der Mitspielerinnen. Wenn ich zurückkomme, weiß ich oft nicht einmal, ob die anderen Männer verheiratet sind." (4/2001/S. 46)


Die Selbstenthüllung stellt anscheinend für Männer eine größere Schwierigkeit dar als für Frauen. Da Selbstenthüllung ein Faktor für die Entstehung von Intimität und Vertrauen ist, wird somit deutlich, warum Männerfreundschaften nicht so intim sein können wie Frauenfreundschaften.