Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


6.2 Vertrauen


Vertrauen ist für diese Vorgänge die Voraussetzung. Wer nicht vertrauen kann, hat auch Schwierigkeiten etwas von seinem Inneren Selbst zu enthüllen, aus Angst vor Verletzlichkeit und Enttäuschung. Für SIMMEL (orig. 1908, 1983) die ideale Freundschaft eine absolute seelische Vertrautheit. Vertrauen definiert SIMMEL als

"...die Hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen..." (vgl. SCHINKEL 2003: 34).


LUHMANN hat Vertrauen systemtheoretisch untersucht. Er unterscheidet in seinem Buch zwischen Vertrautheit und Vertrauen, zwischen Vertrauen und Hoffnung und zwischen Vertrauen und Misstrauen. Vertrauen reduziert die Komplexität der Umwelt auf ein handhabbares Maß und stellt eine Art Vorleistung dar, die Interaktion erst ermöglicht. Für ihn ist Vertrauen ein Mittel zum reduzieren der Komplexität einer zukünftigen Welt. Vertrauen ist hierbei auf die Zukunft gerichtet. Eine Bestimmung der Zukunft aufgrund von Informationen aus der Vergangenheit (Ders. 1968: 16 f.). Vertrautheit bedeutet wiederum, dass das bewährte sich wiederholen und in der Zukunft fortsetzen wird.


Mit Komplexität meint LUHMANN die gestiegenen Handlungsmöglichkeiten der Menschen in der Gesellschaft, die Unsicherheiten für das eigene Handeln hervorrufen können. Wenn das Individuum aber auf bestimmtes zukünftiges Handeln anderer vertrauen könnte, würde diese eigene Unsicherheit reduziert werden. BIERHOFF, BUCK & SCHREIBER (1983: 8) benennen in ihrer Definition auch den Misstrauensaspekt. Sie sagen, dass je mehr ein Mensch versteckte Motive im Handeln des Partners vermutet, desto größer ist das Misstrauen.


Das Individuum muss also bestimmte Fähigkeiten für Intimität in Freundschaft mitbringen, damit sie lang andauernd und befriedigend ist für beide Teile, und die positiven Funktionen für das Individuum erfüllt. Die wichtigsten Fähigkeiten sind die gegenseitige persönliche Hilfe und die Selbstöffnung. Einen Großteil an Vertrauen muss man auch mit einbringen können. Intimität ist gegeben, wenn zwei Personen in einer Beziehung bereit sind, ihr Selbst dem anderen gegenüber zu öffnen. Intimität kann weitere Intimität fördern und resultiert aus dem Wissen um eine andere Person.


Man kann also sagen, dass gegenseitige persönliche Hilfe, Selbstenthüllung und Vertrauen nicht nur Aspekte sind, zu denen Freunde fähig sein müssen für eine positive, lang andauernde und intime Freundschaft, sondern auch wichtige Merkmale für diese. Diese Tatsachen kann man nun auch auf Männer- und Frauenfreundschaften anwenden.



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