Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


VI. Ursachen für Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfreundschaften


Nachdem sich nun herausgestellt hat, dass in dem heutigen Modell, das in der Freundschaftsliteratur vorherrscht, Frauenfreundschaften als eng und intim und gegenüber Männerfreundschaften als positiver dargestellt werden, soll nun nach Ursachen gesucht werden, die diese Unterschiede in der Qualität der Männer- und Frauenfreundschaften hervorrufen.


Im Kapitel 1.2 wurde eine Definition von Freundschaft aufgestellt. Demnach ist Freundschaft: Eine auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit beruhende persönliche Beziehung von unbegrenzter Dauer, die durch Austausch intimer Gedanken und Gefühle, und ein hohes Maß an Vertrauen gekennzeichnet ist. Demnach sind Intimität und Vertrauen bezeichnende Merkmale für funktionierende Freundschaften, die eng zusammenhängen und nun einer genaueren Betrachtung unterzogen werden sollen. Männer und Frauen sollen auch im Hinblick auf Geschlechterstereotype und ihre Wirkung in gleichgeschlechtlichen Freundschaften untersucht werden.



6.1 Intimität

Intimität, diese "eigentümliche Färbung", ist Bestandteil jeder Zweierbeziehung, so SIMMEL (orig. 1901-1908, 1992: 351) für den Intimität bedeutet, dass die Verbindung nicht nur auf einen Zweck ausgerichtet ist, sondern die Person als ganzes erfasst, also von der Individualität des anderen abhängt. Wenn eine Person bestimmte Bestandteile eben nur in dieses Verhältnis hinein gibt und die Gefühle nur in diesem Verhältnis zeigt und gibt, spricht man von Intimität, laut SIMMEL.


Intimität in Freundschaft beruht auf Selbstenthüllung, wie in der Definition von Intimität bei REIS & SHAVER deutlich wird.:

" Intimacy is an interpersonal process that involves communication of personal feelings and information to another person who responds warmly and sympathecally." (Dies. 1988: 375). SCHINKEL bringt ein Modell von REIS & SHAVER an, das auf die Entstehung von Intimität durch gegenseitige Selbstenthüllung hinweist. Demnach muss, wenn zwei Interaktionspartner die Intimität herstellen oder steigern wollen, eine Person A einer Person B eine intime Information übermitteln. Das heißt etwas von seinem "inner self" zu enthüllen, das den Blick auf das wesentlich Individuelle einer Person freigibt. Diese Selbstenthüllung birgt Gefahren in sich. A macht sich angreifbar, weil er nicht sicher sein kann, ob B nicht diese Information zu seinem Nachteil ausnutzt. Dieses Risiko wird wiederum durch Vertrauen minimiert. Nach der Selbstenthüllung von A, kommt es nun darauf an, ob B positiv darauf reagiert und seinerseits etwas Intimes von sich vor A offenbart (vgl. SCHINKEL 2003: 90 f.).


Aspekte der Selbstenthüllung werden mit folgenden Inhalten definiert:

Informationen, die auf das Selbst hinweisen, den persönlichen Zustand, Veranlagungen, Ereignisse in der Vergangenheit und Pläne in der Zukunft, sowie innere Einstellungen, tiefe Gefühle, intime Wünsche (vgl. REID & FINE 1992: 132; DUCK 1983: 68 f.). Reziproke Selbstenthüllung ist der Kern einer reifen Freundschaft. (SCHINKEL 2003: 88 f.) Durch reziproke Selbstenthüllung entsteht eine freundschaftliche Gemeinsamkeit. Dabei geht es um Intimität und vor allem um Vertrauen.