Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


V. Modell von Männer- und Frauenfreundschaften      heute


Bisher wurde auf das traditionelle Modell der Männer- und Frauenfreundschaften und seine gesellschaftliche Einordnung eingegangen. Es existierte in einer Zeit, in der durch die patriarchale Gesellschaftsordnung dieses Modell konstruiert werden konnte. Im vergangenen Jahrhundert hat sich durch verschiedene gesellschaftliche Prozesse ein sozialer Wandel vollzogen. Die Gesellschaftsordnung des Patriarchats begann zu bröckeln, die Geschlechterverhältnisse wurden neu durchdacht. Diese Vorgänge müssten im weitesten Sinne auch ein neues Modell von Männer- und Frauenfreundschaften konstruiert haben.


Deshalb sollen in diesem Kapitel die Männer- und Frauenfreundschaften, wie sie in der Literatur in der heutigen Zeit dargestellt werden, untersucht werden. Männer und Frauen sollen in ihren gleichgeschlechtlichen Freundschaften verglichen werden.



5.1 Männerfreundschaften


5.1.1 Das einsame Geschlecht?

Können Männer heute noch echte Freundschaften schließen oder bleibt nur das verblasste Ideal von vergangenen Jahrhunderten? Schließlich gab es einmal die Vorstellung von der einzig "wahren" Männerfreundschaft. Vor allem vergangene Jahrhunderte sind gezeichnet durch berühmte Männerfreundschaften. Zum Beispiel David und Jonathan in der biblischen Geschichte, und auch im klassischen Griechenland und im antiken Athen sowie in der Romantik gab es Männerfreundschaften und Bünde. In der heutigen Zeit kann man sich nicht mehr so sicher sein, ob sich dieses Ideal der einzig wahren Männerfreundschaft noch halten kann.


Es existieren über das Thema "Männerfreundschaft" wenige populärwissenschaftliche Bücher, also Bücher ohne wissenschaftlichen Anspruch, die nur einen Überblick über ein Thema liefern wollen (vgl. u.a. MILLER 1986; POPPE 1988). Wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem Thema gibt es zur Genüge (vgl. u.a. vgl. u.a. WRIGHT 1982; DUCK 1983; ARGYLE & HENDERSON 1986; AUHAGEN 1991; NARDI 1992; SEIDLER 1992; WINSTEAD, DERLEGA & ROSE 1997; STIEHLER 2003).


Im folgenden soll anhand dieser Literatur ein Überblick über Männerfreundschaft gegeben werden.


Der amerikanische Wissenschaftler Stuart MILLER hat 1986 ein populärwissenschaftliches Buch über Männerfreundschaften herausgebracht, in dem er versuchte herauszufinden, warum es so wenig Freundschaft unter Männern gibt. Er beschreibt Männer als das einsame Geschlecht und will in seinem Buch Ursachen auftun.
Er befragte ca. 1000 Männer in Amerika und Europa nach ihren Männerfreundschaften. Das Ergebnis ist das Buch, das einen Aufschluss über Männerfreundschaften geben soll. Es ist ein Bericht über den Zustand von Männerfreundschaften in der heutigen Welt. Er besteht aber darauf, dass es kein wissenschaftliches soziologisches Buch ist, da er verschiedene soziale Gruppen nicht befragt hat. Er schildert auch seine persönlichen Erfahrungen darin.

MILLER (1986: 9) schickt voraus, dass die Beziehungen der Männer im allgemeinen von Oberflächlichkeit, Unaufrichtigkeit und chronischem Misstrauen geprägt seien. Männer ignorieren und verdrängen demnach ihre Einsamkeit, indem sie ihre Erwartungen einfach herunterschrauben. In diesem Rahmen macht sich MILLER in seinem Buch Gedanken über den Verlust der Vertrautheit zwischen Männern. Er spekuliert, was ein Mann heutzutage ist und wie er in der Gesellschaft gesehen wird.


Dabei kommt er zu folgenden Ergebnissen:


  • Jemand, der allein steht ohne Bindungen,
  • Jemand, der seine Kumpel nach der Jugendzeit aufgibt, um sich dem Job zu widmen,     zu heiraten und seriös zu werden,
  • sollte er was vermissen, erwartet man von ihm, dass er darüber hinwegsieht und     sich keine Gedanken macht. Die Gesellschaft scheint der Meinung zu sein, dass ein     Mann niemanden braucht, außer vielleicht einer Frau (Ders. 1986: 32).


  • Um Freundschaft von Bekanntschaft abzugrenzen, versuchte MILLER eine Definition von echter Freundschaft durch Befragung. Dazu folgende Antworten von Männern:
    "Echte Freundschaft ist demnach eine Art göttlicher Akt, der zwei Menschen befähigt, Gefühle zu teilen und Gefühle zu haben, die das Leben ihnen fortwährend versagt." (Ders. 1986: 24).

    "Ein tiefes und kraftvolles, sanftes und entspanntes Gefühl, das man einfach gemeinsam atmet. Und starke Momente, wenn das Gehirn um eine gemeinsame Idee in begierige Aufregung gerät. Eine Vertrautheit , die bis in die Eingeweide reicht. (...) Da ist keine Spur von Gefahr, Misstrauen oder Bedrohung."(Ders. 1986: 25). So gut sich das anhört, MILLER (1986: 54) hat in Amerika erschreckend negative Ergebnisse zu Männerfreundschaft erhalten. Männer kommen zwar zusammen, machen etwas zusammen, reden über alte Zeiten und manchmal sogar über ihre Probleme, aber den Beziehungen fehle es an Tiefe.


    Resigniert reiste er nach Europa mit idealisierten Vorstellungen von den europäischen Männerfreundschaften. Doch auch hier wurde er enttäuscht. Die Männer erklärten ihm, dass es in Italien, England und Deutschland ähnlich aussehe wie in Amerika.


    Die Ergebnisse in Amerika wie in Europa waren für MILLER in gleichem Maße erschreckend. Aber er konnte doch einen Unterschied feststellen, zwischen beiden Kontinenten. Die Europäer unterscheiden sich demnach von dem Amerikaner dadurch, dass ein Mann, wenn er eine Beziehung eingehe, von der langen Dauer dieser Beziehung ausgehe, und dass diese nicht beendet wäre, selbst wenn man sich lange nicht gesehen hätte. In Amerika dagegen würden Freunde, die man aus den Augen verloren hätte, als verloren gesehen werden, ohne Erwartung des Andauerns der Beziehung (Ders. 1986: 144 f.).
    Das erklärt sich MILLER durch den rigorosen Individualismus, der in Amerika herrsche, während es in Europa eine gewisse Verpflichtung gäbe, für die Bedürfnisse des anderen da zu sein, den Forderungen anderer zu entsprechen. Die Folge wäre eine höfliche Konformität, die solch einen Individualismus wie in Amerika nicht zuließe.


    Durch MILLERS Werk über Männerfreundschaften wird das Bild vermittelt, dass Männer das einsame Geschlecht und enge Beziehungen unter ihnen rar sind, sowohl in Amerika als auch in Europa. MILLER schildert weiterhin in diesem Buch seinen eigenen verzweifelten und oft wiederholten Versuch einen Freund zu finden. Durch dieses Buch bekommt der Leser einen pessimistischen Eindruck bezüglich Männerfreundschaften, und die These der wahren Männerfreundschaft wird nicht bestätigt.


    Die Titelstory der Zeitschrift Stern (4/2001) lautete einmal "Männer-Freunde Das einzig wahre!". Darin erzählen Männer über ihre Freundschaften und was sie einzigartig macht. Gleichzeitig werden dem Leser aber auch Ergebnisse der Studie "Männer im Aufbruch" von dem Bochumer Sozialwissenschaftler Rainer VOLZ und Paul ZULEHNER, Professor am Ludwig - Boltzmann Institut in Wien präsentiert. Der Studie zufolge haben 90 % der Männer mindestens einen Freund. Doch auf die Frage, an wen sich Männer bei Sorgen wenden würden, antworteten nur 38%, dass sie einen Freund des Vertrauens haben. Aber auch das halten andere Experten für geschönt.

    "Maximal zehn Prozent haben eine authentische, enge Männerfreundschaft" (Ders. 2001: 38), schätzt der auf Männerleiden spezialisierte Arzt Haydar KARATEPE. Die meisten Männer haben eine große Anzahl von Bekannten, bei denen aber die Welt nicht untergehe, wenn sie sich aus den Augen verlieren, sagt er. In dieser Titelstory des Sterns werden einige wirklich enge Männerfreundschaften vorgestellt, die dann aber laut Aussagen von Experten und Wissenschaftlern als Raritäten bezeichnet werden. Was ist dann aber mit den oben genannten einzig "wahren" Männerfreundschaften passiert? Gibt es sie gar nicht mehr wirklich, oder übertreiben die Wissenschaftler mit ihrem Pessimismus bezüglich Männerfreundschaften?



    5.1.2 Gemeinsam etwas unternehmen

    Männerfreundschaft wird in der wissenschaftlichen Literatur übereinstimmend als Beziehungsform mit instrumentellem Charakter bezeichnet (vgl. u.a. WRIGHT 1982; ARGYLE & HENDERSON 1986; AUHAGEN 1991; HUBER 1994; STIEHLER 2003). Dieser instrumentelle Charakter wird häufig beschrieben.


    Männer agieren miteinander über Rollen, laut BELL (1981: 78). Sie handeln außen- und rollenorientiert. Ein Mann sehe nicht den ganzen Menschen, sondern eine Person mit bestimmten Rollen. Zum Beispiel ist der eine für ihn ein "Sauftourpartner", der andere ein Tennispartner und der nächste ein Gesprächspartner. Deshalb seien Männer auch in speziellen Gruppen über Aktivitäten organisiert.


    WRIGHT (1982) hat dazu eine passende Formulierung gefunden.: Er charakterisierte Männerfreundschaften als "side by side". (Ders. 1982: 8). Das bedeutet, dass sie gemeinsam Seite an Seite agieren. Zusammen erleben und unternehmen sie etwas.


    ARGYLE & HENDERSON (1986: 85) beschreiben es sogar als die traditionelle Männerrolle in Freundschaften, dass Männer Aktivitäten mit ihren Freunden teilen, sie etwas zusammen machen. Das heißt, dass Männer aufgrund ihrer Geschlechterrolle typischerweise gemeinsam etwas unternehmen, gemeinsame Hobbys ausführen.


    In der Zeitschrift STERN werden Männerfreundschaften folgendermaßen dargestellt:
    "Erwachsene Männer sind vor allem meistens Kollegen, Kumpel und Komplizen. Sie verbringen die Zeit mit Männersachen machen, Steckenpferde pflegen, Spaß haben. Frauenfreie Zeit im Leben ist einfach klasse." (2001: 38).

    Auf einer Internetseite über Männerfreundschaften steht zu lesen, dass einer psychologischen Studie (des Instituts für Rationelle Psychologie in München) zufolge Männerfreundschaften zu vierundfünfzig Prozent aus gemeinsamen Unternehmungen, zu vierundzwanzig Prozent aus Gesprächen über Arbeit, Karriere, Politik und zu neunzehn Prozent aus Gesprächen über sich selbst bestehen. Nur vierzehn Prozent der untersuchten Männer hätten einen richtigen Freund, auf den sie sich hundertprozentig verlassen könnten. 16


    Diese Zahlen bestätigen die Aussagen des STERNS und MILLERS, dass nur ein sehr geringer Anteil der Männer eine wirklich enge Freundschaft hat. Deutlich wird, dass Männer meistens etwas zusammen unternehmen, es aber dabei bleibe und an persönlichen Gesprächen oft fehle. "Männer tun etwas zusammen - ob sie nun auf Berge kraxeln, ein Vereinshaus bauen, zusammen eine Sauftour machen oder sich gegenseitig in der Karriere fördern." (STIEHLER 2003: 9).

    STIEHLER, der befreundete Männer interviewte, fasst den Charakter von Männerfreundschaften zusammen: "Männer konzentrieren sich über das Miteinander aufeinander. Die Verbindung von gemeinsamer Aktivität und gemeinsamen Erleben gilt als primärer Beziehungsträger männlich geprägter Freundschaft."(Ders. 2003: 217). Der geteilte Erlebnisschatz wirke substantiell und gestaltend in der Männerfreundschaft.

    Diese Beschreibungen bestätigen den instrumentellen Charakter von Männerfreundschaften.
    STIEHLER (2003: 222) sieht bei Männern eine Orientierung an der ganzen Person vorliegen, im Gegensatz zu BELL, der nur eine Orientierung an bestimmten Rollen von Männern sieht.

    Männer definieren also ihre Freundschaft über gemeinsame Aktivitäten. Dabei lassen sich laut STIEHLER zwei Grundformen unterscheiden.
    1.Intensive Grundinteressen, wobei gemeinsame Erlebniswelten den Raum zur Entwicklung von Nähe und Vertrauen bilden. Das können zum Beispiel Urlaub im Hochgebirge, klettern gehen o.ä. sein. Diese gemeinsame Aktivitätsform zeichnet sich durch eine relativ hohe Kontakt - und Zeitintensität und gemeinsame physische Anstrengung und Zielorientierung aus.
    2.Alltägliche Aktivitäten, wobei Unternehmungen wie Besuche, Spaziergänge und Kneipentreffs im Vordergrund stehen. Diese gemeinsame Aktivitätsform zeichnet sich durch geringeren Zeitrahmen, eingeschränkte Intensität des Arrangements und flexible Ausgestaltungs- und Themenvielfalt aus.

    Über den Verlauf von Männerfreundschaften erklärt STIEHLER (2003: 219), dass in der Anfangsphase die intensiven Grundinteressen einen hohen Stellenwert einnehmen würden, und später bei den Interviewten immer weniger etwas gemeinsam unternommen wurde, und die alltäglichen Aktivitäten mit der Freundschaftsdauer in den Vordergrund treten würde. Aus diesen Beispielen wird ersichtlich, dass Männer viel gemeinsam unternehmen und sich in ihren Freundschaften über die gemeinsamen Aktivitäten definieren. Darüber besteht in der Literatur ein großer Konsens.


    Auf einer Internetseite über Freundschaften schreibt AMSTUTZ zu Männerfreundschaften, dass diese sich nicht so gern und üblich als "beste" Freunde bezeichnen. Sie reden eher von Kollegialität, der Schul- oder Militärzeit. Es gibt aber auch sogenannte Männergruppen, die sich regelmäßig treffen und über ihre privaten oder beruflichen Probleme reden, zusammen Musik hören oder gemeinsam kochen. 17
    Auffallend ist dabei, dass sich für derartige Aktivitäten extra Gruppen zusammenfinden müssen.


    In der Literatur wird größtenteils der Eindruck vermittelt, dass Männer in ihren Freundschaften gemeinsam etwas unternehmen und über alltägliche Dinge und Probleme reden. Gespräche scheinen nicht so im Vordergrund zu stehen.
    Männer sind trotzdem nicht einsam. Sie unternehmen viel, gehen gemeinsam auf "Sauftour" und bereden die Probleme, die die Welt bewegen. Der Knackpunkt der Männerfreundschaften liegt in der Qualität der Freundschaft, bzw. was Männer von der Freundschaft haben. Den Männern fehlt es anscheinend nicht an Bekannten, sondern an richtigen Freunden, die für sie die im Kapitel 1.3 beschriebenen Funktionen erfüllen können. Es wird größtenteils in der Literatur der instrumentelle Charakter der Männerfreundschaften betont.



    5.1.3 Intimität und Vertrauen in der Männerfreundschaft

    In Kapitel 1.2 wurde festgelegt, dass Intimität und Vertrauen Kennzeichen von enger Freundschaft sind. Was kann man über Intimität und Vertrauen als Indikator für enge Männerfreundschaften aussagen? In der wissenschaftlichen Literatur gibt es darüber verschiedene Ausführungen. Einerseits gibt es die pessimistische Ansicht.


    Zum Beispiel argumentiert BELL (1981: 61), dass Männer ihre Gefühle nicht zeigen, weil das unmännlich wäre. Sie tun zwar Dinge gemeinsam, aber sie wissen dabei nicht, was in ihnen vorgeht.


    MILLER (1986: 26 f.) dagegen sieht Männerfreundschaft vor dem Hintergrund des üblichen Rivalitäts- und Konkurrenzverhalten - Mann gegen Mann. In der modernen Wettbewerbsgesellschaft sind Männer potentielle Feinde. Hierarchien von Macht, Geld, Berühmtheit, Leistung und Eroberung von Frauen führen zu einer ständigen Anspannung zwischen Männern. Dafür gäbe es aber auf der anderen Seite auch Lockerheit und Entspannung mit dem Freund. Eine heitere Erregung und Lässigkeit, die zu körperlichen Entspannung führen kann.

    Bei einem richtigen Freund habe der Mann das Gefühl der Sicherheit, dass dieser eine Mann keine Bedrohung darstellt. Das Besondere an der Männerfreundschaft ist, dass sie das Gefühl haben, dass ihnen der Rücken gestärkt wird von einem anderen Mann, obwohl sie immer auf der Hut sind vor anderen Männern.


    MILLER spricht von einer kulturbedingten Abneigung der Männer gegen die Männlichkeit und den männlichen Körper. Bei dem Anblick eines anderen Mannes spürt der Mann Entfremdung. Bei einem richtigen Freund ist diese Entfremdung weg, laut MILLER. Hinter dem zotteligen Äußeren ist dann ein Herz, Mut und Verständnis zu finden. MILLER beschreibt das Besondere an Männerfreundschaft dadurch, dass man seine ständige Angriffshaltung überwindet durch das gemeinsame Wissen um Siege und Niederlagen zusammen mit fürsorglicher Akzeptanz der Männlichkeit des anderen. Des weiteren unterstellt MILLER, dass besonders amerikanische Männer raubeinig im Umgang mit anderen Männern wären, was sich durch puffen, Schlag auf die Schulter ironisches witzeln oder kämpferisches Gebaren ausdrücken kann. In der amerikanischen Kultur ist es scheinbar nicht üblich unter Männern die Zuneigung offen zu zeigen, so MILLER. Aber gerade durch dieses frotzeln und ironische kritisieren der Männer, entstehe ein Gefühl von Intimität und Entspanntheit (Ders. 1986: 30 f.).


    Einige Aspekte enger Männerfreundschaft, die MILLER im Zuge seiner Befragungen herausfand beschreibt er folgendermaßen:


  • Bereit zu sein für anderen ein Risiko einzugehen,
  • Sich bei ihm entspannen zu können,
  • Sich sicher zu fühlen,
  • Mit Konkurrenzdenken aufzuhören, ebenso wie mit der Entfremdung und     Selbstentfremdung,
  • Andere Männer mit Freude gerecht beurteilen zu können,
  • Gefühl die eigenen Vitalität und den Selbstwert zu steigern,
  • Freund im Herzen zu bewahren (Ders. 1986: 26 f.).

  • MILLER sieht also, dass Intimität und Vertrauen durchaus in Männerfreundschaften vorhanden sind, aber sich aufgrund des Rivalitätsdenkens der Männer schwieriger gestalten.


    SEIDLER (1992: 22) teilt die pessimistische Ansicht mit BELL und betont, dass Männer Freunde brauchen um auszugehen und Dinge zu unternehmen, aber nicht für den emotionalen Austausch mit anderen. Männer wollen auch füreinander da sein, aber nicht um Gefühle auszutauschen.


    WINSTEAD, DERLEGA & ROSE (1997: 120) betonen die Wichtigkeit der Aktivität als Rahmen für Intimität bzw. als Intimität. Bei ihrer Befragung von Männern zu Intimität in ihren Männerfreundschaften äußerten diese, dass gemeinsame Aktivitäten mit dem Freund für sie Intimität bedeute.


    "Zusammen richtig stark fühlen", "sich total gut verstehen". (STIEHLER 2003: 223). Das drücke die Intimität von Männerfreundschaften aus. Laut STIEHLERS Befragung von zwei Freunden, ist Intimität in Männerfreundschaften das Ergebnis gemeinsamer Aktivitäten. Dabei tauschen sich Männer Meinungen aus, geben Ratschläge und empfangen welche. Das geschehe aber ohne direkte Einmischung in die Entscheidungsprozesse, was auch gar nicht erwartet werden würde. Männer wollen einfach nur mal ihr Herz ausschütten, ohne konkrete Erwartung von Lösungsvorschlägen.

    "...geht es nicht darum Konsens zu schaffen, sondern unter Wahrung der eigenen Identität sich offen zu äußern und vorbehaltlos Verständnis zu finden." (Ders. 2003: 220). Ein intimes Gespräch unter Männern erfordere viel Vertrauen und Verschwiegenheit. Solche Gespräche fänden meistens in Zweisamkeit statt und in einem gegenseitig verbindenden Handlungsrahmen, so STIEHLER.

    Männer hätten oft verschiedene Gesprächspartner für verschiedene Themen und Inhalte. Gesprächsinhalte wären meist der Alltag und die Probleme darin, das subjektive erleben von unpersönlichen Zusammenhängen, z. B. Politik, oder gemeinsame Interessen und Zukunftsaussichten. Seltener gehe es direkt und gezielt um personengebundene Probleme im privaten Bereich, Familie, Beziehungen oder Befindlichkeiten, laut STIEHLER (2003: 221). Charakteristisch für Männerfreundschaften sei die Vermeidung von Direktheit. Aber trotzdem die Direktheit fehle, sind die Gespräche nicht oberflächlich. Die von STIEHLER interviewten Personen haben eine positive Wahrnehmung und Einstellung bezüglich der Intimität ihrer Gespräche. Es finde immer ein Informationstransfer statt und wenn sich die Freunde schon lange kennen und Vertrauen aufgebaut haben, wäre es wie ein blindes Verstehen. Das mache den Intimitätscharakter der Freundschaft zwischen Männern aus (Ders. 2003: 222 f.).


    Männer sehen aber in ihren Freundschaften auch eine wichtige Unterstützungsquelle, die emotionale und instrumentelle Hilfe biete. Voraussetzungen für die emotionale Unterstützung wären eine feste Vertrauensbasis, Verschwiegenheit gegenüber Dritten und die Gewissheit sich nicht rechtfertigen zu müssen (vgl. WINSTEAD, DERLEGA & ROSE 1997; STIEHLER 2003). Bezüglich der Selbstöffnung vor Freunden sagt STIEHLER (2003: 224 f.), dass die männliche Geschlechtsrolle die Selbstöffnung regelt. Selbstöffnung geschieht vor Dritten nicht so, wie in der trauten Zweisamkeit. Deshalb sind Aspekte der Selbstoffenbarung schon ein Zeichen großer Intimität zwischen Männern. Darüber hinaus können Männer bei gemeinsamen Erlebnissituationen oft unausgesprochene Übereinstimmungsgefühle erleben. Emotionen entwickeln sich aus der Vertrautheit heraus, als Zeichen von Freude. Dies kann sich auch in einer kurzen Berührung ausdrücken oder der Mimik.


    Die Meinungen sind gegensätzlich. Einige Autoren betonen, dass Männer nicht gerne Gefühle zeigen und sich dementsprechend auch nicht öffnen. Sie möchten demnach lieber etwas zusammen unternehmen, statt sich gegenseitig mit ihren Problemen zu beschäftigen. Männerfreundschaften werden aber auch durchaus als intim dargestellt. In einem gemeinsamen Handlungsrahmen, können Freunde sich voreinander öffnen. Eine weitere wichtige Voraussetzung ist Vertrauen. Bezeichnend ist, dass in der chronologischen Abfolge der Literatur die Ansicht über Intimität in Männerfreundschaften immer positiver dargestellt hat.


    5.1.4 Konflikte in Männerfreundschaften

    Bezüglich des Umgangs mit Konflikten bemerkt STIEHLER (2003: 221), dass Männer versuchen würden sie zu vermeiden. Sie reagieren bei Disputen mit Zurücknahme, Verschlossenheit, sich entziehen und Abwarten. Bei ernsteren Auseinandersetzungen kann es zu Kontaktvermeidung und sogar zum Abbruch der Freundschaft führen. Es wird selten versucht den Konflikt gemeinsam zu lösen, laut STIEHLER.

    Konfliktsituationen entstehen im Zusammenhang mit dem Verhalten der Freunde, mit Meinungen und Werten, mit Ansprüchen an die Freundschaft, mit Konkurrenz sowie mit Themen der Haushaltsführung in Wohngemeinschaften, laut einer Befragung von 11 Männern im Rahmen der Diplomarbeit von LEHNEN (1999) 18.

    Auffallend ist, dass vermeidendes Verhalten überwiegend bei Konflikten berichtet wird, die sich auf Ansprüche an die Freundschaft beziehen. Das offene Ansprechen dieser Konflikte bedeutet für die Männer möglicherweise, sich dem anderen gegenüber öffnen zu müssen, d.h. dem Freund Gedanken und Gefühle mitzuteilen, was wiederum ein Anwachsen von Intimität zwischen den Freunden bedeuten würde. Gründe für Konfliktvermeidung sind somit möglicherweise in Abhängigkeit von bereits bestehender Offenheit, Nähe und Intimität in der Freundschaft zu betrachten sowie vor dem Hintergrund, welche Konsequenzen für ein anderes Konfliktverhalten erwartet werden (Ders. 1999: 87).


    Abschließend kann man vermerken, dass die These der wahren Männerfreundschaft in der Literatur der letzten Jahrzehnte nicht bestätigt wird. Oftmals wird durch die Autoren ein eher pessimistisches Bild der Männerfreundschaften vermittelt. Männer gelten zwar nicht als einsam, hätten aber kaum eine Person, mit der sie über ihr Innerstes reden würden.

    Männerfreundschaften werden als aufgabenorientiert und instrumentell beschrieben. Sehr bezeichnend ist die gemeinsame Aktivität als Grundlage jeglicher Intimität. Selbstöffnung fällt Männern in Freundschaften eher schwer. Lieber machen sie etwas zusammen, um über alltäglichere Dinge, als über eigene Probleme zu reden.


    Die Frage ist nun inwieweit diese einzig "wahre" Männerfreundschaft einer wahren Freundschaft entspricht. Möglicherweise ist für Männer die Form der Freundschaft, wie sie sie pflegen, die "wahre" Freundschaftsform. Jedoch kann man oft lesen, dass die Männer unzufrieden sind mit ihren Freundschaften zu Männern. Fraglich ist jedoch auch, inwiefern diese Ausführungen über Männerfreundschaften der Realität entsprechen, bzw. die Ergebnisse der Studien über Männerfreundschaften die Realität wirklich widerspiegeln.





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    16 Vgl. Webmaster: Männerfreundschaften. Unmöglich, selten, komisch, bereichernd? www.ccr-medien.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=615
        Stand: 21.01.2004
    17 Vgl. Amstutz, Gertrud: Die beste Freundin - der beste Freund.     http://www.vitaswiss.ch/?a=archiv-03-01-1, Stand: 1/2003
    18 Vgl. Lehnen, Dirk (1999): Konflikthafte Auseinandersetzung in gleichgeschlechtlichen     Freundschaften heterosexuell orientierter Männer.