Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


4.2 Sozialer Wandel und Wandel der Geschlechterrollen


Die Entwicklungen der Moderne sowie die Emanzipation der Frau in Deutschland bringen bestehende soziale Verhältnisse, und die Geschlechterverhältnisse ins Wanken. Dass sich die Geschlechterrollen gewandelt haben, bemerken mehrere Autoren (vgl. u.a. BÖHNISCH 2001; EICHENBAUM & ORBACH 1991; BECK & BECK-GERNSHEIM 1990; FELDMANN-NEUBERT 1991).


BÖHNISCH (2001: 90) sieht die Strukturauflösung des Patriarchats und die Modernisierung der Geschlechterverhältnisse in ihren Anfängen schon in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Er verweist auf die Modernisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und die damit zusammenhängenden Veränderungen der Sozial-, Konsum- und Bildungskultur und die nach und nach aufkommende Neustrukturierung der Geschlechterverhältnisse.


Durch den Nationalsozialismus wurde der Trend zum Abbau beruflicher und gesellschaftlicher Diskriminierung der Frau unterbrochen und Frauen wurden wieder in das alte Rollenmuster gedrängt.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Frauen größtenteils auf sich gestellt, weil viele Männer im Krieg gestorben oder noch in Gefangenschaft waren. Durch den daraus folgenden Arbeitskräftemangel waren Frauen in hohem Maß erwerbstätig geworden (vgl. METZ-GÖCKEL & MÜLLER 1986: 11 f.).


Gleichzeitig liefen umfassende Modernisierungs, - Individualisierungs- und Differenzierungsvorgänge ab, die weitreichende Folgen auf die gesellschaftlichen Strukturen hatten, die Geschlechterverhältnisse eingeschlossen. Die umfassende Rationalisierung und Differenzierung der Produktion verlangte eine Zerlegung der Arbeitsvorgänge mit dem Ziel der Massenproduktion. Neue Tätigkeitsstrukturen bildeten sich heraus mit neuen Anforderungen in den Qualifikationen und entsprechenden Bildungsanforderungen. Der Massenproduktion entsprach der Massenkonsum. Aus Arbeitern und Angestellten wurden gleichzeitig Konsumenten mit zunehmenden Konsum- und Lebensstilen in denen gleichzeitig auch die Geschlechterrollen ausdifferenziert, und die Geschlechterverhältnisse pluralisiert wurden, laut BÖHNISCH (2001: 91).

Diese Entwicklung zieht sich weiter durch das Jahrhundert. Frauen kämpften um ihre Gleichberechtung und Rechte, während die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sich parallel änderten. BECK (1990: 42 f.) beschreibt die Modernisierungsfolgen nach dem zweiten Weltkrieg folgendermaßen:
Der Arbeitsmarkt veränderte sich dahingehend, dass er sich auch auf den weiblichen Lebenszusammenhang ausdehnte. Damit vollzog sich die Anwendung der Prinzipien der Marktgesellschaften über die Geschlechtslinie hinweg. Die Folge war, dass sich innerhalb der Familie und zwischen Männern und Frauen ganz neue Lagen herausbilden konnten, während die ständischen Grundlagen der Industriegesellschaft aufgelöst wurden.


BECK spricht nun von einer Freisetzung der Männer und Frauen aus den stereotypen Vorgaben ihrer Geschlechtsständeschicksale. "Wesentliche Einschnitte haben in den vergangenen Jahrzehnten...die Frauen ein Stück weit aus ihren traditionalen Weiblichkeitszuweisungen freigesetzt."(Ders. 1990: 44). Dafür nennt er folgende Bedingungen:
Die Verlängerung der Lebenserwartung führte zu einer Verschiebung der Abfolge der Lebensphasen, was zu einer demographischen Freisetzung der Frauen geführt hat. Das heißt, dass früher ein Frauenleben aufgrund der niedrigeren Lebenserwartung genau dafür ausreichte, Kinder großzuziehen und heute die Mutterpflichten mit 45 Jahren enden. Die Mutterschaft mit aktiven Verpflichtungen ist nur noch ein vorübergehender Lebensabschnitt für Frauen. Der restliche Lebensabschnitt befindet sich jenseits des traditionellen Lebenszentrums der Frauen.


In der Hausarbeit hat sich eine Isolierung und Rationalisierung vollzogen. Isolierung entstand durch die Grenzziehung der Kleinfamilie im Zuge der Individualisierungsprozesse. Es bildete sich eine Insularexistenz der Kleinfamilie heraus. Die Hausfrau führte eine völlig isolierte Arbeitsexistenz.

Rationalisierung vollzog sich durch die Entlastung der Hausfrauenarbeit durch technische Geräte, Maschinen und Konsumangebote, die gleichzeitig die Hausarbeit entleerten. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Frauen auch auf ein erfülltes Leben durch außerhäusliche Berufsarbeit hofften.


Durch das Aufkommen von empfängnisverhütenden- und regelnden Mitteln konnte die Frau den Zeitpunkt und die Zahl der Kinder mitbestimmen und die weibliche Sexualität wurde außerdem von der Mutterschaft befreit. Frauen wurden auch freigesetzt von der lebenslangen Garantie der ökonomischen Absicherung durch den Mann, was die gestiegenen Scheidungszahlen dokumentieren und der gleichzeitig steigende Anstieg der Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Eine gleichzeitige Angleichung der Bildungschancen von Frauen zeigte ebenfalls die starke berufliche Motivation der Frauen.


Bei den Männern ist eine komplementäre Entwicklung zu verzeichnen. Die Veränderung in ihren Bereichen wurde durch die Veränderungen bei den Frauen induziert. Männer wurden durch die gestiegene Erwerbsbeteiligung der Frauen aus der Rolle des alleinigen Ernährers verdrängt.

Es wurde der Zwangszusammenhang gelockert, der besagt, dass Männer sich für Ehefrau und Kinder im Beruf fremden Willen und Zwecken unterwerfen müssen, so BECK (1990: 48). In Folge dessen ist ein ganz anderer Umgang mit der Familie und Beruf möglich geworden. Andererseits kann dadurch die Familie ihre Harmonie für den Mann verloren haben, da sich die frauenbestimmte Seite der Familie verändert hat. Der Mann könnte sich seiner Unselbstständigkeit im Alltag und seiner emotionalen Angewiesenheit bewusst geworden sein, worin auch Impulse lagen, die Vorgaben der traditionellen Männerrolle zu lockern.

Allerdings darf man diese Entwicklungen für die Frau nicht überschätzen. Durch die Erwerbsbeteiligung der Frau ist der Begriff "Doppelrolle" aufgekommen. Frauen sind zwar in das Berufsleben integriert, aber die Erziehung und Versorgung der Kinder bleibt größtenteils weiterhin der Frau überlassen.


In den neunziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts hat BÖHNISCH (2001: 71) einen "Cooling - Out - Prozess" festgestellt, der sich in Sachen Männermacht und Geschlechterkampf vollzogen hat. Das untermauert er damit, dass Frauen und Mädchen selbstbewusster geworden sind und dadurch trotz der Abwertung der Männer das Gefühl behalten, gebraucht zu werden und somit Macht über die Männer spüren, weil ohne sie manchmal gar nichts mehr gehe. Das könne man bei jungen Leuten beobachten, wo Jungs die Mädchen immer wieder mit sexistischen Abwertungsritualen konfrontieren, aber die Mädchen beziehen es einfach nicht auf sich und schauen schulterzuckend darüber hinweg, nach dem Motto: Männer brauchen das halt, und ich weiß schon wie ich damit umgehen muss.


BÖHNISCH sieht dafür als Ursachen, dass Frauen in allen Schichten ein erhöhtes Selbstbewusstsein erlangt haben, das sich durch frauenemanzipatorische Bewegungen und sozialstaatliche Gleichstellungspolitik entwickelt hat. Außerdem stellt er eine sichtbare Entwertung der Männermacht fest.


FELDMANN-NEUBERT (1991: 295) hat eine Studie über das Frauenleitbild und seine Veränderung von 1948 bis 1988 anhand der Frauenzeitschrift "Brigitte" gemacht. Als ein Ergebnis konnte sie festhalten, dass die These vom Wandel innerhalb des Weiblichkeitsstereotyps bestätigt wurde. Doch d er Prozess des Abbaus der traditionellen Geschlechterrollen ist noch nicht abgeschlossen. In vielen Bereichen sind Frauen immer noch benachteiligt. Zum Beispiel sind immer noch sehr wenig Frauen in Führungspositionen präsent.


Die Geschlechterrollen haben sich insofern gewandelt, dass die Frauen nicht mehr als abhängige und für andere stets verfügbare Wesen gesehen werden, sondern selbstverwirklichte, selbstbestimmte und aktive Menschen sind. Sie haben jetzt mehr Chancen und Wahlmöglichkeiten als früher, indem sie selber Entscheidungen über ihr Leben treffen können, z. B. über Karriere und Mutterschaft. Durch gesellschaftliche Differenzierungs- und Individualisierungsvorgänge haben sich die Geschlechterrollen gewandelt und somit auch das Bild der Frauenfreundschaften.


EICHENBAUM & ORBACH betonen die Veränderung der Frauenrolle und der Bedeutung der Frauenfreundschaften dabei. Das Abgrenzen von anderen Frauen und Freundinnen spielte eine große Rolle in der Veränderung der Frauenrolle. Auch durch die Liebe und Zuneigung von Freundinnen konnten Frauen lernen, sich selbst zu lieben.

"Die anderen Frauen ernährten und ermutigten uns bei unserem Weg nach vorne, und so konnten wir wachsen." (Dies. 1991: 54).

So konnten Frauen die Weiblichkeit von früheren Generationen und ihre eigene Vorstellung von Weiblichkeit verinnerlichen. Der Kampf der Frauen um Unabhängigkeit in den letzten Jahrzehnten hat ihre Rolle verändert. Sie haben versucht, in Bereiche vorzudringen, die zuvor die Domänen von Männern waren.


HUBER (1994:29) findet, dass seit Frauen mehr in den öffentlichen Raum gehen, sie auch mehr Gefühl für ihren eigen Wert bekommen haben, ebenso wie für ihre Qualitäten als Freundin.


EICHENBAUM & ORBACH (1991) gehen darauf ein, dass die Bedeutung von Frauenbeziehungen erst in den siebziger Jahren erkannt und zum Thema gemacht wurde. Im Zuge der Emanzipation der Frau das Bild über die Unfähigkeit der Frauen für Freundschaft verblasst. Weiter schreiben sie, dass Frauenfreundschaften natürlich schon immer für die Betroffenen wichtig waren, aber ihnen die gesellschaftliche Anerkennung nicht zuteil wurde. Sie wurden erst seit den siebziger Jahren thematisiert.


SMITH-ROSENBERG 15hat herausgefunden, dass Frauenfreundschaften in Zyklen verlaufen sind, die sie folgendermaßen beschreibt: Es habe Anfang des 19. Jahrhunderts Aufzeichnungen von Frauenfreundschaften gegeben, die auf große Vertrautheit und gegenseitige Zuneigung schließen ließen. Die Frauen waren ausgeschlossen aus einer repressiven Männerwelt und durch physische Distanz separiert. Oft war ihre einzige enge Beziehung nur durch schriftliche Korrespondenzen mit anderen Frauen möglich.


Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewannen Frauen an Prestige, Einfluss und Freiheit. SMITH-ROSENBERG sieht hier einen Rückgang dieser sehr engen Beziehungen. Neue Formen sozialer Gruppenbeziehungen traten dafür an ihre Stelle. z. B. Gartenclubs, Frauenvereine, Antialkoholvereinigungen. Der Kampf um Gleichberechtigung habe die Frauen wieder zusammengebracht und der Freundschaft zwischen Frauen neuen Auftrieb gegeben, was man aber nicht idealisieren sollte, denn SMITH-ROSENBERG ist sich unsicher, ob diese Freundschaften zwischen den Frauen wirklich so tief und eng sind. Für viele Frauen der neuen Generation kämen Job und Karriere, Mann und Familie weit vor Freundschaften (vgl. MILLER 1986: 165).





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15 Die Sozialhistorikerin Carroll Smith-Rosenberg beschäftigte sich u. a. mit Geschlechterrollen    und Frauenbeziehungen. 1975 erschien von ihr "The female World of Love and Ritual:    Relations between women in nineteenth - century America"