Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


IV. Freundschaft im Wandel


Das traditionelle Freundschaftsmodell ist in einer Zeit entstanden, in der Frauen in patriarchalen Gesellschaften mit androzentrischen Denkstrukturen generell niedriger als Männer bewertet, und ihnen geistige Fähigkeiten abgesprochen wurde. Im folgenden soll auf den Wandel der traditionellen Geschlechterrollen eingegangen werden, wodurch sich die Stellung der Frau geändert hat. Es sollen grundlegende Veränderungen skizziert werden, die den Wandel herbeigeführt haben und dabei Auswirkungen auf die Geschlechter hatten.






4.1 Frauenbewegungen und Emanzipation der Frau

Durch Frauenbewegungen haben Frauen begonnen gegen die Geschlechtsungleichheiten zu kämpfen. Sie forderten ihre Rechte ein und wollten nicht länger neben dem Mann benachteiligt sein. Eine Vorreiterin der Frauenbewegung war Mary Wollstonecraft, die in England schon Ende des 18. Jahrhunderts durch öffentliche Gleichheitsforderung auf die Benachteiligung der Frauen aufmerksam machte. In ihrer Schrift "Ein Plädoyer für die Rechte der Frau" prangert sie die Unterwürfigkeit und Fügsamkeit der Frauen an. (vgl. HOLLAND-CUNZ 2003: 18)


Während der Französischen Revolution erkannten die Frauen in Frankreich ihre Unterdrückung und bildeten revolutionäre Frauenclubs und Arbeiterinnenvereine. Sie forderten, dass "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auch für die Frauen galt (vgl. WIGGERSHAUS 1979: 9). Die Frauenversammlungen wurden aber verboten.


In Deutschland entstanden erst Mitte des 19. Jahrhunderts Frauenbewegungen. Louise Otto-Peters war die erste Frau, die in Deutschland gesellschaftspolitische Forderung stellte. Durch die Industrialisierung und ihre Folgen wurden sich die Frauen ihrer Benachteiligung bewusst, in der Arbeiterschicht, als auch in der bürgerlichen. In den Fabriken war die Arbeitskraft der Frauen notwendig geworden. Sie konnten sich so zwar von der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Mannes befreien, ihr Leben wurde dadurch aber nicht erleichtert.


Die Fabrikarbeiterinnen wurden ausgebeutet, bekamen zu geringen Lohn, mussten täglich 9 - 12 Stunden arbeiten, ihre Kinder bekamen zu wenig Fürsorge. Und dazu bekamen sie keinen Mutter- oder Krankenschutz. Die Frauen wollten soziale Gleichheit (vgl. OTTO 1976: 25).
In der bürgerlichen Schicht in Deutschland ist ebenfalls der industrielle Fortschritt Voraussetzung für die Frauenbewegung. Hausfrauenarbeit wurde entleert, weil die Produkte, die die Frau früher selbst zu Hause herstellen konnte, jetzt viel billiger in den Fabriken hergestellt wurden. Die Frauen sehnten sich nach Beschäftigung, da ihnen die Hausfrauenarbeit keine Befriedigung mehr gab. Die bürgerlichen Frauen begannen nach Bildung und Berufsbeteiligung zu streben (vgl. ZETKIN 1976: 44).


Die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung, unter der Führung von Louise Otto - Peters, waren deshalb auch u. a. Bildungsmöglichkeiten und Recht auf Arbeit. Sie wollten die soziale, rechtliche und menschliche Gleichberechtigung.
In der Folge bildeten sich eine Vielzahl von Frauenvereinen und Frauen konnten letztendlich viele Rechte erlangen. 1918 erhielten die Frauen endlich das aktive und passive Wahlrecht. In der Weimarer Reichsverfassung wurde die Gleichstellung der Frau verankert.


Während des dritten Reiches wurde ein Frauenbild propagiert, das die Frau wieder auf die Rolle der Hausfrau und Mutter reduziert hat. Die Frauenbewegung wurde gründlich zerstört. In der BRD wurde 1949 von Elisabeth Selbert erreicht, dass der Gleichberechtigungsparagraph im Grundgesetz verankert wurde.


Im Nachkriegsdeutschland setzte sich im Westen schon bald wieder das Leitbild der Hausfrau durch, während im Osten der marxistischen Grundauffassung gefolgt wurde, dass die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten und der Persönlichkeit nur innerhalb der gesellschaftlichen Arbeit geschehen kann. Die SED wollte eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung schaffen. Das konnte nur geschehen, wenn Frauen wie die Männer als menschliche Hauptproduktivkraft begriffen wurden, sowie in die parteipolitische Arbeit einbezogen wurden. In der Verfassung der DDR wurde 1949 durch mehrere Artikel die Gleichberechtigung der Frau auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens gesichert. Im Zugang zu Bildung und Ausbildung konnte in der DDR von einer Benachteiligung der Frau keine Rede mehr sein. Die einheitliche zehnklassige polytechnische Oberschule als Pflichtschule für Jungen und Mädchen war dafür die Voraussetzung. (vgl. MENSCHIK 1977: 32 f.)


In der Bundesrepublik bildete sich Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Zuge der Studentenbewegung eine Frauenbewegung, die u. a. für die ersatzlose Streichung des Paragraphen 218 demonstrierten. Es wurde der "Weiberrat" von Studenten, Hausfrauen und Berufstätigen gegründet. Sie wurden sich der Benachteiligung der Frauen wieder bewusst. Frauen forderten Selbstbestimmung über den eigenen Körper. In der Folge begann für die Frauen ein Prozess der Selbsterfahrung, wo sie lernten sich von patriarchalen Vorstellungen zu befreien, indem sie von und mit Frauen lernten ein neues Selbstkonzept zu bilden, dass sich nicht durch die Beziehung zum Mann definierte. Es bildeten sich autonome Frauenbuchläden, Frauenverlage, Frauenseminare.


Mit der Emanzipation der Frau wurde die patriarchale Gesellschaftsordnung angezweifelt und begann zu bröckeln. Frauen wurden sich der Benachteiligung bewusst und wollten dagegen angehen. Das Männerbild zeigte sich bis in die sechziger Jahre ausgesprochen positiv. HOLLSTEIN (1993: 204) schreibt, dass "Männlichkeit" mit Kreativität, Verantwortung und Menschlichkeit in Verbindung gebracht wurde. Der Mann wurde in Kunst, Literatur und Musik als Schöpfer der Zivilisation, Beschützer der Frauen und Kinder, als Held, Entdecker und Weiser vorgestellt. Er war derjenige, der den Fortschritt gebracht und auch gesichert hat.


Mit Beginn des Feminismus wurde die klassische Vorstellung des Mannseins zerstört und das Männerbild zeigt sich nicht mehr nur positiv. Männer galten plötzlich als Zerstörer der Natur, Hersteller tödlicher Waffen, bornierte Technokraten, Vergewaltiger von Frauen und Kindern. Die Emanzipation der Frau hat gezeigt, dass androzentrische Denkstrukturen nicht mehr funktionieren, wenn sie nicht mehr von den Frauen mitgetragen werden.


Der Mann wird nicht mehr als der gültige Standard angesehen, sondern seine Allmacht immer mehr in Frage gestellt. Das müsste auch auf das traditionelle Modell der Männer- und Frauenfreundschaften Auswirkungen gehabt haben, worauf später noch genau eingegangen werden soll.