Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


3.3 Traditionelle Geschlechterrollen


Es gibt gesellschaftliche Strukturen, in die Mann und Frau eingebettet waren, die die oben beschriebenen Geschlechterrollen und die damit niedrigere Stellung der Frau fördern bzw. beibehalten. Die traditionellen Geschlechterrollen bewirkten, dass Freundschaft als Männer-Domäne gesehen, und den Frauen ein solch geistiges Verhältnis in der Vergangenheit abgesprochen wurde.


Dieses Geschlechterverhältnis von dem hier die Rede ist, wird durch den Begriff Patriarchat charakterisiert und bedeutet eine gesellschaftliche Vorrangstellung der Männer gegenüber Frauen in allen Bereichen durch androzentrische Vorstellungen. Die natürliche Überlegenheit des Mannes begründet seinen gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch.
Diese Höherstellung der Männer beruhten u. a. auf der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, die lange Zeit mit der biologischen Andersartigkeit der Frau begründet wurde. (vgl. METZ-GÖCKEL & MÜLLER 1986: 11).


In Anlehnung an Kapitel 2.2 skizziert JURCZYK (2001: 12 f.) auf der Basis von folgenden fünf Elementen die Verankerung der traditionellen Geschlechterverhältnisse:
Zum ersten wurden die Geschlechterverhältnisse durch die strukturelle, räumliche und zeitliche Trennung der Gesellschaft in die "Frauenwelt" und "Männerwelt" verankert. Die "Frauenwelt" beinhaltete die Familie, in der die Frau der arbeitsintensiven Aufgabe der physischen und psychischen Versorgung der Familienmitglieder nachging. Die "Männerwelt" beinhaltete den Beruf. Sie wurde zur Sachwelt, ein Bereich von Tätigkeit und Arbeit, in der das notwendige Geld zum Leben verdient wurde. Daraus entstand dann die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung. Es polarisierten sich Zuständigkeitsbereiche, in denen die Frauen "verhäuslicht" wurden, obwohl es immer auch Frauen gab, die zusätzlich zu ihrer familialen Arbeit erwerbstätig waren. Männer waren dann demzufolge für die außerhäuslichen Tätigkeiten zuständig.
Damit waren die Frauen sozial und ökonomisch an die Existenz des Mannes gebunden und in allen öffentlichen und privaten Bereichen dem Manne untergestellt. Diese Hierarchie der Geschlechter war auch juristisch festgelegt.
In Folge konnten sich Geschlechtercharaktere durch die Zuordnung der Geschlechter zu bestimmten gesellschaftlichen Sphären und Tätigkeiten bilden. Es wurden den beiden Geschlechtern vermeintliche typische und naturbedingte Eigenschaftskonstellationen zugeschrieben, die als polar, einander ausschließend und sich wechselseitig ergänzend verstanden wurden. Eine typische weibliche Eigenschaft war z.B. Emotionalität, eine typische männliche Vernunft.
Das Zusammenleben von Eheleuten basierte bis zur Moderne auf der Ehegattenwahl bedingt durch ökonomische Voraussetzungen. Das heißt, dass die Liebe nicht das Motiv der Heirat war, sondern viel mehr der Stand, die Einkünfte und die Arbeitsfähigkeit des Mannes eine Rolle spielten, damit er die Familie versorgen konnte, besonders in bäuerlichen Lebenszusammenhängen.

Ein Blick in die kleinbürgerliche Familie des 18. Jahrhunderts kann die damaligen Geschlechterrollen gut veranschaulichen:
Die Frau hatte in Bezug auf die Geschlechterhierarchie in der Familie die untergeordnete Rolle. Es war normal, dass der Mann das Oberhaupt der Familie ist, und die Frau sich nach ihm zu richten hatte. Das Einzige, das man ihr uneingeschränkt überließ, war der Haushalt und die Erziehung der Kinder. MÖLLER (1969: 11) beschreibt die "Ordnung des Hauses", die von Sintenis verfasst wurde. Darin kommt zum Ausdruck, dass die Frau ein Muster jeder weiblichen Tugend zu sein hat und Vorbild für die Kinder. Der Abstand zwischen Mann und Frau sei groß. Er hat sie für die Herrin des Hauswesens erklärt und der innere Haushalt sei die Sphäre ihres Lebens. Zu großweltlichem Verkehr und geräuschvollen Gesellschaften habe sie sich nicht hingezogen zu fühlen. Sie solle ohne großen Aufwand bescheidend, zurückhaltend und still leben.


MÖLLER (1969: 15) beschreibt dann weiterhin das Verhältnis zwischen Mann und Frau mit dem "Naturrecht" des Philosophen Fichte. Darin steht, dass die Frau nur noch mit ihrem Mann Leben und Tätigkeit habe. Sie habe aufgehört ein Individuum zu sein, da ihr Leben Teil seines Lebens wird.


Die Stellung des Mannes war entsprechend der Gesellschaftsordnung des Patriarchats vorherrschend. In der Familie war er das Oberhaupt, traf alle wichtigen Entscheidungen, hatte Vorbildfunktion, war Beschützer und Ernährer seiner Familie. Außerdem war er Repräsentant seiner Familie gegenüber der Außenwelt. Er galt in der Familie als der Wissende, Erfahrene, Starke, der der den Rang der Familie durch seine außerfamiliäre Stellung bestimmte.


In SIMMELS (orig. 1901-1908, 1992: 80) Philosophie der Geschlechter kommt das typische der androzentrischen Denkstrukturen zum Ausdruck. Er stellt eine oberflächliche Beachtung der Frauen in der Sozialgeschichte fest, obwohl er der Ansicht ist, dass Frauen sich mehr als spezifisch "weiblich" empfinden, als sich Männer als spezifisch "männlich" empfinden würden. Das verbindet er mit der Jahrtausende langen Dienstbarkeit der Frauen. Durch den Vergleich von Sklaven mit Frauen, soll diese zum Ausdruck kommen. Ein Sklave müsse immer daran denken, dass er ein Sklave ist, ein Herr brauche nicht immer daran zu denken, dass er Herr ist.
SIMMEL sieht die wirtschaftlich Funktion der Frauen in der Leitung der Konsumtion, während den Männern die Produktion oblag. Die Produktion wäre etwas viel mannigfaltigeres, arbeitsteiligeres, individueller bestimmtes gewesen als die Konsumtion. In die Konsumtion mündeten die Erträge aller verschiedenen Produktionen. Er hält die Frauen für homogener als die Männer und beschreibt gleichzeitig, welches Zentrum die Frauen hatten. Sie waren für die Küche und den Verbrauch dessen zuständig, was die Männer produziert und beschafft hatten. Das zeigt die Stellung der Frau in der Gesellschaft.


SIMMEL (orig. 1901-1908, 1992: 81) sucht nach Ursachen für die unterschiedlichen Stellungen der Frau und des Mannes. Er findet sie darin, dass die Wertordnungen von Männern kreiert sind, und damit deren Art die Welt aufzubauen und das Leben zu erleben an die Spitze der Wertreihe rückt. Er bestärkt diese Übermacht der Männer mit der Legitimation der Frauen, denn obwohl Frauen die Rangordnung zuwiderläuft, geben sie diese als gültig zu. Sie haben das männliche Prinzip anerkannt, laut SIMMEL.
Mit der Moderne kam das neue Beziehungsideal der romantischen Liebe auf, wo die Eheleute rein das Gefühl der Liebe als Motiv ihrer Heirat und ihres Zusammenlebens haben sollten. Doch das konnten sich vorerst nur wenige leisten.


JURCZYK formuliert dann eine These, die besagt, "... dass die traditionelle Basis der Geschlechterverhältnisse einen Zwangszusammenhalt qua geteilter Ökonomie und polarer Geschlechtercharaktere darstellt, der hierarchisch organisiert ist und "abgepuffert" wird durch die Idee der Liebe." (Dies. 2001: 14).


Dass Frauen als nicht fähig für Freundschaften eingeschätzt wurden, kann in diesem Zusammenhang ein Ergebnis einer Gesellschaft sein, in der das Männliche gar nicht mehr als Männliches reflektiert wurde, sondern als universal Menschliches galt. Bedingt durch die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung konnten sich solche Vorstellungen von Mann und Frau herausbilden und verfestigen. Man sieht also, dass Frauen auf ihren Bereich als Mutter, Ehefrau und Hausfrau, aufgrund der generellen Niedrigerstellung der Frau durch die traditionellen Geschlechterrollen in der Gesellschaft beschränkt waren, und ihnen geistige Verbundenheit zu anderen Menschen nicht zugestanden wurde.