Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


3.2 Traditionelles Modell von Männer und       Frauenfreundschaften


In der Literatur herrscht Konsens darüber, dass die allgemeine Niedrigerstellung der Frau dazu führte, dass sie als nicht fähig angesehen wurde, Freundschaften zu haben (vgl. u.a. BELL 1981; TENBRUCK 1990; O`CONNOR 1992). BELL (1981: 56) sieht die Männer-Dominanz in Freundschaften durch die Isolation der Frauen in der Ehe begründet, während die Männer arbeiteten und allein schon dadurch Kontakte knüpfen konnten. Es gab traditionelle Weisheiten über Frauenfreundschaften. Freundschaften zwischen Frauen wurden ignoriert und wenn bemerkt, dann als Klatschbasen abgetan oder als Lesben interpretiert, aber auf jeden Fall abgewertet. BELL sah den Grund in der generellen Minderwertigkeit der Frauen in der Gesellschaft.
"This undoubtedly has been a reflection of a more general notion of female inferiority." (Ders. 1981: 58).
Wenn Frauen generell als minderwertig eingeschätzt wurden, dann kann man davon ausgehen, dass sie in anderen Bereichen, wie Freundschaft auch minderwertig eingeschätzt wurden. Frauen hatten ihre Befriedigung in der Familie zu finden und den Beziehungen darin. Für Freundschaften und andere geistige Angelegenheiten waren Männer zuständig.
Da Freundschaft ja ein menschliches Bedürfnis nach sozialen Beziehungen befriedigt, müssten Frauen sich doch genauso wie Männer danach sehnen und Freundschaften pflegen. Doch weil Freundschaft im bisherigen Verstand eine Domäne männlicher Beziehungen war, schlussfolgert TENBRUCK (1990: 240) in Übereinstimmung mit BELL, dass dies ein Ergebnis der unterschiedlichen Stellungen von Männern und Frauen in der Gesellschaft sei. Für die Frau habe die Rolle der Ehefrau und Mutter eine so überragende Bedeutung gehabt, dass sie gar nicht die Vereinsamung und Gefährdung empfinden konnte, die den Druck zur Freundschaft entstehen lässt.
Aus dieser Äußerung kann man schließen, dass TENBRUCK gar nicht in Erwägung gezogen hat, dass Frauenfreundschaften existierten. Er sucht nur nach Erklärungen für das Nichtbestehen von Frauenfreundschaften, aber zweifelt nicht an, dass Frauen auch Freundschaften gepflegt haben.
O`CONNOR (1992: 44 f.) begründet die Männer-Dominanz von Freundschaften darin, dass es in einer patriarchalen Gesellschaft kaum öffentliche Orte gab, wo Frauen sich treffen konnten um Freundschaften zu schließen. Außerdem bemerkt sie die soziale Kontrolle der Männer, indem sie in vielen Formen Druck ausübten, wie Witze, sexuelle Andeutungen und offene Feindseligkeit.

VAHSEN stellt sich auf der Internetseite des "Feministischen Blattes" die Frage, warum das Freundinnenpaar eher selten als identifikatorisches Modell in Gesellschaft und Kultur repräsentiert war. Ein möglicher Grund wäre laut VAHSEN, dass Frauen sich in dieser Beziehung zu Frauen, wo sie sich ganz selbstbewusst ohne Bezug zum männlichen Geschlecht definieren, der patriarchalen Kontrolle entzogen hätten. Sie wurden deshalb häufig karikiert, abgelehnt oder als lesbisch abgestempelt. 13
Frauen hatten in der patriarchalen Gesellschaft kein Gefühl für ihren eigenen Wert, argumentiert HUBER. Sie konnten sich nicht selbst schätzen, fördern und entwickeln. Deshalb konnten sie auch nicht für Freundinnen unterstützend, fördernd und respektvoll sein. Durch ihre Niedrigerstellung in der Gesellschaft ist die klare Folge, dass diese Selbstbezogenheit nicht groß sein konnte, erklärt HUBER."Solange wir eine geschriebene Geschichte haben, d.h. seit es das Patriarchat gibt, solange haben Frauen wenig Gefühl für ihren eigenen Wert." (Dies. 1994: 29)

Die Männer-Dominanz von Freundschaften kann man in Zusammenhang bringen mit den traditionellen Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Geschlechterrollen wurden in Kapitel 2.2 definiert als Verhaltenserwartungen oder Verhaltensvorschriften für das jeweilige Geschlecht, die beinhalten welche Verhaltensweisen in der Gesellschaft üblich oder anerkannt sind. Frauen wurden in der patriarchalen Gesellschaftsordnung in vielen sozialen Schichten auf das häusliche reduziert. Sie wurden geistig nicht auf die gleiche Stufe gestellt wie Männer. Deshalb war es auch nicht üblich, dass Frauen geistige freundschaftliche Verhältnisse zu anderen Frauen hatten. Sie galten eher als Klatschbasen 14, wenn sie sich unterhielten. Damit war die Negativ - Form eines "vernünftigen Gesprächs" gemeint. Das traditionelle Modell der Männer- und Frauenfreundschaften entstand durch die generellen traditionellen Geschlechterrollen patriarchaler Gesellschaften.





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13 Vgl. Vahsen, Mechthilde: Frauenfreundschaften: Spurensuche quer durch die Jahrhunderte.     http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/ddorfautorinnen/vahsen/wiss.html ,     Stand: 4/2000
14 Dieser Ausdruck ist eine Bezeichnung aus dem 18. Jahrhundert und meint Frauen, die    "schmutzige Wäsche waschen", "jemandem übel nachreden". Klatschorte waren früher     bevorzugt Waschplätze, wo Frauen kollektiv Frauenarbeit verrichteten. Es erfolgte die     Zuordnung des Klatsches als "typisch weibliche" Gesprächsform. (vgl. Althans, Birgit 1985: 46)