Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


III. Freundschaft im Kontext der Geschlechterrollen        in der Gesellschaft


Eingangs wurde auf das traditionelle Modell der Männer- und Frauenfreundschaften Bezug genommen, worin Frauenfreundschaften abgewertet wurden. Dieses Kapitel soll dazu dienen, diese Abwertung genauer darzustellen und herauszufinden, ob die gesellschaftlichen Erwartungen an die Frauenrolle in dem traditionellen Freundschaftsmodell mit der allgemeinen traditionellen Geschlechterrolle in Zusammenhang steht. Darüber hinaus soll genauer darauf eingegangen werden, wie die Stellung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen abgewertet wurden, aussah.



3.1 Freundschaft als Männerdomäne und Abwertung der        Frauenfreundschaften

Bei der Betrachtung des Phänomens Freundschaft in der Literatur, kommt immer wieder zum Ausdruck, dass die Freundschaft zwischen Frauen früher niedriger bewertet wurde als die zwischen Männern, bzw. gar nicht vorkommt (vgl. u.a. KRACAUER orig. 1917, 1971; BELL 1981; TENBRUCK 1990; EICHENBAUM & ORBACH 1991; NARDI 1992; AUHAGEN & SALISCH 1993; SCHINKEL 2003).
Männerfreundschaften wurden demnach als bedeutender und wertvoller dargestellt als Frauenfreundschaften.
Bei KRACAUER (orig. 1917, 1971: 79) findet man Beschreibungen von Frauenfreundschaften als Gemütsfreundschaft, in der die rein gefühlsmäßige Zuneigung das Band zwischen den Menschen bildet. Geistige Gemeinschaft bestehe dagegen nur in geringem Maß. Er betont den Mangel an geistiger Nahrung. Die Anhänglichkeit der Gemüter möchte KRACAUER von der eigentlichen Freundschaft unterschieden wissen. KRACAUER bezeichnet Frauenfreundschaft als Anhänglichkeit der Gemüter, was für ihn jedoch keine Freundschaft im eigentlichen Sinn heißt. Bei Freundschaften zwischen Frauen besteht für ihn der Zusammenhalt durch die Zuneigung, ohne geistigen Inhalt, was dann keine richtige Freundschaft wäre.
BELL erwähnt die Männer-Dominanz von Freundschaften ebenso:
"With few exceptions, the models held forth in society of friendship have been about men and for men."(Ders. 1981: 58).
Freundschaft und die Modelle davon würden bis auf wenige Ausnahmen nur Männer betreffen.
Auch TENBRUCK äußert sich dazu folgendermaßen:
".dass Freundschaft im bisherigen Verstande gewöhnlich eine Angelegenheit von Männern ist." (Ders. 1990: 240).
EICHENBAUM & ORBACH (1991) beschreiben die geringe Bedeutung von Frauenbeziehungen, die erst in den siebziger Jahren erkannt und zum Thema gemacht worden sind. Woraus sich die Frage ergibt, ob Frauenfreundschaften heute in einem anderen Licht stehen.


NARDI erklärt, dass die Vorstellung von Freundschaft früher Mann- dominiert war.
"The images of friendships in both myth and everyday life were historically male-dominated. They were characterized in terms of bravery, loyalty, duty and heroism. This explains why women were often seen as not capable of having "true" friendships."(Ders. 1992: 1).
SCHINKEL erwähnt dieses Thema ebenfalls:
"Es sind Freundschaften vorstellbar, die auch gegen die herrschende Auffassung von Freundschaft ihren genuinen Sinn- und Erfahrungszusammenhang entfalten. So beispielsweise bestimmte Frauenfreundschaften in einer Zeit, in der die Auffassung vorherrschte, dass lediglich Männer zur Freundschaft befähigt seien."(Ders. 2003: 16).
Er schreibt zwar, dass Frauenfreundschaften möglich sind, aber nur als Beispiel für Freundschaften, die gegen die herrschende Auffassung von Freundschaft bestehen können. Frauenfreundschaften sind dann also eine abweichende Form der Freundschaft. Es besteht bei ihm der Hinweis darauf, dass diese Auffassung aus einer Zeit stammt, in der nur Männer fähig für Freundschaft erachtet wurden. Daraus könnte man schlussfolgern, dass das heute nicht mehr der Fall ist.


Freundschaft wurde als Männerdomäne gesehen, zumindest von Männern, die die öffentliche Meinung zu dieser Zeit dominierten.
Frauenfreundschaften hat es schon immer gegeben. Ihnen kam jedoch nicht die gesellschaftliche Anerkennung zu wie den Männerfreundschaften.