Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


2.4 Theorien der Entstehung von       Geschlechtsunterschieden

Es gibt verschiedene Theorierichtungen, die die Entstehung von Unterschieden im Verhalten zwischen den Geschlechtern interdisziplinär erklären. Aufgrund des unterstellten geschlechtsspezifischen Verhaltens werden die Geschlechter unterschieden.



2.4.1 Biologische Sichtweise

Die biologische Forschungsrichtung geht davon aus, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern biologisch, also genetisch bedingt sind, und das Geschlecht somit eine unabhängige Variable darstellt (vgl. u.a. ALLEMANN-TSCHOPP 1979; GIDDENS 1979; ECKES 1997; KASTEN 2003; RENDTORFF 2003).
ALLEMANN-TSCHOPP (1979: 57 f.) verweist auf biologische Mechanismen für die Entstehung physischer Geschlechtsunterschiede und sieht in ihnen eine Bedeutung für psychische Phänomene, wie das Verhalten der Menschen. Einen besonderen Einfluss auf geschlechtsspezifisches Verhalten sieht sie durch Chromosomen, Keimdrüsen und Hormone. Das 23. Chromosomenpaar bestimmt das physische Geschlecht, d. h., ob man eine Frau oder ein Mann wird. Verbindet sich das X-Chromosom der Mutter mit dem X-Chromosom des Vaters, wird es ein Mädchen, wenn sich das X-Chromosom aber mit dem Y-Chromosom des Vaters verbindet, wird es ein Junge. Bis zur 6. Schwangerschaftswoche sehen Embryonen gleich aus, danach erfolgt die Differenzierung der Keimdrüsen. Dadurch entstehen die inneren und äußeren Geschlechtsorgane. Bei XX-Organismen entwickeln sich Eierstöcke, bei XY-Organismen sind es die Hoden.
Hormone lösen dann die weitere Ausbildung der männlichen und weiblichen Sexualorgane aus. Es gibt nicht nur männliche oder nur weibliche Hormone. Das unterschiedliche Verhältnis von männlichen und weiblichen Hormonen ist dabei ausschlaggebend. Hormone beeinflussen die Ausbildung der Sexualorgane und das Sexualverhalten, sowie die Differenzierung unterschiedlicher Teile des Zentralnervensystems, die geschlechtsspezifisches Verhalten steuern, wie ALLEMANN-TSCHOPP (1979) in ihrem Werk über die genetischen Ursachen für die Entstehung von geschlechtsspezifischem Verhalten bemerkt.

KASTEN (2003: 34 f.) hingegen führt an, dass die Humangenetik heute noch nicht in der Lage ist, exakt anzugeben, welche einzelnen männlichen bzw. weiblichen Merkmale auf welchen Abschnitt des Geschlechtschromosoms zurückzuführen sind. Es steht zwar fest, dass die Geschlechtschromosomen für die Produktion von den Geschlechtshormonen, Androgenen und Östrogenen, zuständig sind, aber deren Auswirkungen auf das Verhalten von Männern und Frauen seien biologisch nicht bewiesen.
Er verweist aber auf Biopsychologen und Anthropologen, die einen Zusammenhang zwischen Geschlechtschromosomen und geschlechtsspezifischem Verhalten über die Psyche annehmen. Demnach sollen Frauen, die mehr Östrogene haben, "expressives Verhalten" aufweisen, was sich durch soziale Affinität, personenbezogene Orientierung und einer Tendenz zu Sesshaftigkeit und überschaubaren Zusammenhängen (z. B. familialen) auszeichnet. Männer hingegen verfügen über mehr Androgene und weisen ein "instrumentelles Verhalten auf", das sich durch Aggress (Herangehen an die Objekte der Umwelt), Erkundung und aktive Auseinandersetzung mit ihnen, sachbezogen - zielgerichtete Orientierung und Initiative, aber nicht unbedingt Aggressivität auszeichnet.
Man kann vorerst festhalten, dass es einen Entwicklungsweg gibt, der das biologische Geschlecht, die äußeren Geschlechtsmerkmale, festlegt, bedingt durch die genetische Verankerung.
In der Soziologie wird zwischen Sex und Gender unterschieden.
Diese Geschlechtsmerkmale, sowie die sich daraus ergebenden körperlichen Funktionen werden als Sex bezeichnet. Es ist jedoch umstritten, ob man von dem biologischen Geschlecht auf das soziale Geschlecht (Gender) schließen und jeweilige typische Eigenschaften und Rollen zuordnen kann.
Gender bezeichnet alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird, verweist aber nicht zwingend auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale. Besonders die Gender Studies bestreiten den kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht. Das soziale Geschlecht wird vielmehr bezeichnet als eine Konstruktion von Geschlecht . Hierbei geht es zwar vordergründig um die Zuordnung von Menschen in eine typisch "männliche" oder typisch "weibliche" Rolle, aber auch um den Wert der Geschlechterrolle. Gender beschreibt also vor allem die Art und Weise, in der Männer und Frauen sich zu ihrer Rolle in der Gesellschaft selbst positionieren und wie sie diese Rolle bewerten. Es wird also nicht mehr, wie in Kapitel 2.1.3 beschrieben, uneingeschränkt vom biologischen Geschlecht auf Geschlechtsmerkmale im Verhalten geschlossen. Heute wird das soziale Geschlecht als eine gesellschaftliche Konstruktion gesehen.
Sehr gut veranschaulichen kann man die Unabhängigkeit zwischen Sex und Gender an einem Beispiel eines eineiigen Zwillingsbruderpaares, das im Alter von sieben Jahren beschnitten worden ist. Einer der Brüder verlor dabei aufgrund eines chirurgischen Unfalls den Penis, was die Eltern bewog, den Jungen als Mädchen aufzuziehen. Das Kind entfaltete sich tatsächlich als ausgesprochen weiblich (vgl. ALLEMANN-TSCHOPP 1979: 63).



2.4.2 Soziologische Sichtweise

In der Soziologie wird die Geschlechtsrollenübernahme des Kindes überwiegend mit der strukturell - funktionalen Systemtheorie von PARSONS und BALES (1955) erklärt. Soziale Systeme werden bei PARSONS durch Zustände und Prozesse sozialer Interaktionen zwischen handelnden Einheiten gebildet. Dabei bezieht er sich auch auf die vier Subsysteme menschlichen Handelns: den Organismus, das personale System, das soziale System, das kulturelle System.
Es war sein Ziel zu untersuchen, wie ein stabiler Zustand des Systems im Prozess der Interaktion der Handelnden zustande kommt und erhalten bleibt. Diese Interaktionen zwischen Handelnden enthalten die wesentlichen strukturellen Merkmale eines Systems. Für den Erhalt eines Systems müssen vier funktionale Leistungen erbracht werden: Adaption, Zielerreichung, Integration, Strukturerhaltung. Die familiale Sozialisation ist ein System, das für die Strukturerhaltung zuständig ist, neben Schule oder Kirche (vgl. KORTE 1993: 181 ff.).
PARSONS ging davon aus, dass die Kernfamilie durch ihre biologischen Funktionen der Fortpflanzung, des Generationsunterschiedes und der geschlechtlichen Differenzierung beständig zusammenhält. Er war der Ansicht, dass man Geschlecht und Generation als Grundlagen der Differenzierung sehen kann und sie einer soziologischen Betrachtung eines Typs sozialer Ordnung dienen können, der für die Struktur kleiner Gruppen typisch ist (Ders. 1964: 75).
Einerseits gibt es eine Statusdifferenzierung, die sich durch unterschiedlichen Einfluss auf Prozesse innerhalb eines Systems ausdrückt. Es gäbe demnach Gruppenbeteiligte, die mehr Einfluss ausüben und welche, die weniger Einfluss ausüben.
Auf der anderen Seite unterteilt PARSONS die Beteiligten einer Gruppe nach instrumentalen und expressiven Funktionen. Instrumentale Funktionen richten sich nach außen. Träger dieser Funktion sorgen für gute Anpassung und Zielerfüllung des Systems der Gruppe. Expressive Funktionen dagegen sollen die Gruppe innerlich zusammenhalten durch Harmonie und Solidarität.
PARSONS entwickelte darauf aufbauend das Vier- Rollen- Muster der Differenzierung: Hierarchische Differenzierung in Führer- und Gefolgschaftsrollen und qualitative Differenzierung in instrumentale und expressive Rollen. Generation ist dabei die Hauptachse der erstgenannten Differenzierung und Geschlecht die der zweiten (Ders. 1964: 78).
Das Kind lernt seine eigene Rolle kennen, indem es am Rollensystem der Familie teilnimmt. Bei seinen Handlungen lernt es die Erwartungen der anderen zu berücksichtigen. Dabei spielen Imitation von Verhaltensweisen, Identifikation mit Vorstellungen und Werten der Eltern, sowie Sanktionen eine Rolle. Durch die Teilnahme an innerfamilialen Interaktionsprozessen wird das Kind auf die Mitwirkung in anderen sozialen Systemen vorbereitet. PARSONS bezog sich auf Freuds Theorie der Objektbeziehung.
In der ersten Phase nach der Geburt erlebt das Kind eine enge Symbiose mit der Mutter, da sie physiologische Bedürfnisse des Kindes befriedigt. Die Mutter befindet sich in der Machtposition. In dieser Zeit spielen geschlechtsspezifische Unterschiede noch keine Rolle. Autonomieäußerungen des Kindes werden aber schon je nach Geschlecht unterschiedlich beurteilt und verstärkt.

Sobald das Kind sein eigenes Geschlecht erkennt, muss es auch die kulturellen Ausformungen des Frau- und Mannseins kennen lernen.

Zuerst haben Kinder beiden Geschlechts eine gleich intensive Beziehung zur Mutter. Dann wendet sich der Junge von der Mutter ab, um sich mit dem Vater zu identifizieren, während sich das Mädchen stärker mit der Mutter identifiziert. Dann lernt das Kind die mehr expressive Funktion der Mutter und die mehr instrumentelle Funktion des Vaters. Somit sieht das Kind die elterliche Autorität aufgeteilt und verinnerlicht die Grundrollen der Familie. Instrumentalität und Expressivität kennzeichnen Handlungstendenzen, die das Verhalten von Männern und Frauen steuern können. Mit dieser Erkenntnis beginnt das Kind seine eigene Geschlechtsrolle zu erlernen. Meist orientiert sich das Kind am gleichgeschlechtlichen Elternteil.
Sobald das Kind den Rahmen der Familie verlässt, überträgt es die familientypischen Handlungsarten auf andere Handlungssysteme und es kann passieren, dass neue Bezugspartner ganz anders reagieren als erwartet. Das was in der Familie gültig war, muss also nicht mit dem üblichen Verhalten außerhalb der Familie übereinstimmen. Nun muss das Kind lernen, dass die eigene Familie ein Sonderfall der Kategorie Familie ist und dass bestimmte Rollen nicht an einen einzigen Rollenträger gebunden sind. Das expressionistische Verhalten der Mutter muss sich also nicht bei allen anderen Müttern bzw. Frauen wiederfinden (vgl. KÜRTHY 1978: 104).


PARSONS hat mit seiner strukturell- funktionalen Systemtheorie einen Ansatz versucht, die Übernahme von Geschlechtsrollen aus der Perspektive der Funktionen für ein System zu erklären.

Nach der Systemtheorie lernt das Kind in dem System Familie durch Sozialisation, wie es sich in einem anderen gesellschaftlichen System, z. B. Schule, verhalten soll, um den gesellschaftlichen Erwartungen und Normen zu entsprechen, und ist somit wichtig für den Erhalt eines Systems, und für ein störungsfreies Funktionieren der gesellschaftlichen Ordnung.
Diese funktionalistische Auffassung von Parsons wurde von Feministinnen kritisiert, da darin insgeheim die Unterordnung von Frauen und ihre Einschränkung auf den familiären Bereich legitimiert wurde. Er unterstellt die Notwendigkeit der geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Familie, nach der der Mann berufstätig und die Frau für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Diese Auffassung vernachlässigt jedoch die Komplexität des weiblichen Lebenszusammenhangs. Frauen waren schon immer in beiden gesellschaftlichen Bereichen, in der Familie und im Erwerbsleben tätig.



2.4.3 Psychologische Sichtweise

Es gibt verschiedene psychologische Theorieansätze, die zu erklären versuchen, warum Jungen und Mädchen schon im Kindergarten verschiedene Verhaltensrepertoires, Interessen und Beschäftigungsvorlieben bilden. Die Psychologen haben sich hauptsächlich damit beschäftigt, wie Jungen und Mädchen erzogen werden. Das Interesse liegt dabei auf Kindheit und Rolle der Eltern bei der Geschlechtsrollenentwicklung.


Es lassen sich im wesentlichen vier Theorien der Ausdifferenzierung und Festigung von Geschlechterrollen aufzeigen (vgl. u.a. ALLEMANN-TSCHOPP 1979; KASTEN 2003, RENDTORFF 2003; LIPSITZ-BEM 1993; FILUS-SCHNEIDER 1980).
Die Bekräftigungstheorie beinhaltet laut KASTEN (2003: 36), dass Jungen und Mädchen schon sehr früh, wahrscheinlich im Kleinkindalter schon, für Verhalten, dass ihrem Geschlecht angemessen erscheint, bekräftigt werden. Bekräftigung erfolgt durch Lob, Anerkennung, Belohnung o. ä. Dem Geschlecht unangemessene Verhaltensweisen werden hingegen nicht bekräftigt, sondern sogar bestraft, missbilligt oder einfach ignoriert. Die Bekräftigungstheorie basiert darauf, dass bestimmte dem Geschlecht entsprechende Verhaltensstereotype existieren und Eltern ihre Kinder diesen Stereotypen gemäß erziehen. Das würde aber implizieren, dass Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln.
CHODOROW (1985: 130) erklärt, dass hinsichtlich der Eltern - Kind - Interaktion, die Wärme der Eltern, das Ausmaß an Lob und positiver Rückmeldung, in den ersten vier bis fünf Lebensjahren kaum Unterschiede bezüglich des Geschlechts nachzuweisen sind.


Zu der Imitationstheorie erklärt KASTEN (2003: 42 f.), dass Kinder geschlechtstypisches Verhalten durch die Beobachtung gleichgeschlechtlicher Modelle und die Nachahmung und Übernahme deren geschlechtsangemessenen Verhaltens erwerben. Dabei gelten also die Bezugspersonen als Vorbilder, im Hinblick auf erfolgreiches oder erfolgloses Verhalten. Erfolgreich und erfolglos ist hier im Sinne von bestrafen oder nicht bestrafen gemeint. Nachgeahmt wird vorwiegend erfolgreiches Modellverhalten, meist am gleichgeschlechtlichen Vorbild.
Kritikpunkte dieser Theorie liegen u.a. darin, dass Jungen und Mädchen in unserem Kulturkreis heutzutage in der frühen Kindheit meistens von weiblichen Bezugspersonen betreut werden. Trotzdem imitieren Jungen nicht nur weibliches Verhalten, was ja nach der Imitationstheorie der Fall sein müsste. Außerdem haben Jungen und Mädchen in der späteren Kindheit und Jugend in annähernd gleicher Weise die Gelegenheit, gleich- und gegengeschlechtliches Modellverhalten zu beobachten. Warum sie sich trotzdem vom anderen Geschlecht abgrenzen und ihrem Geschlecht angemessenes Verhalten oft übernehmen, kann die Imitationstheorie nicht erklären.


In der Identifikationstheorie wird angenommen, dass durch die sogenannten Primärbeziehungen geschlechtsspezifisches Verhalten gefördert bzw. erlernt wird. Mit Primärbeziehungen sind die Beziehungen der Kinder zu den wichtigsten Bezugspersonen gemeint, mit denen sich in den ersten Lebensjahren häufig eine intensive gefühlsmäßige Beziehung und Bindung entwickelt. Durch diese Bindung ist die Grundlage und der Anlass gegeben, dass das Kind sich mit der Person identifiziert. Es wird angenommen, dass Mädchen sich mit der Mutter und Jungen sich mit dem Vater identifizieren, d.h., dass Jungen und Mädchen sich innerlich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil als sehr ähnlich oder identisch erleben. Dieses Gefühl der Ähnlichkeit bewegen dann Jungen und Mädchen innere Einstellungen, Werthaltungen und äußere Verhaltensweisen zu übernehmen (Ders. 2003: 45 f.).
Die Abgrenzung zur Imitationstheorie fällt schwer und wird wahrscheinlich darauf beruhen, dass bei der Identifikationstheorie nicht nur äußeres Verhalten nachgeahmt und übernommen wird, sondern auch innere Einstellungen und Werte der Bezugspersonen.


Die Kognitive Theorie wurde in den 60iger Jahren von dem Psychologen KOHLBERG 9 ausformuliert und knüpft an die allgemeine Theorie der kognitiven Entwicklung des bekannten Psychologen PIAGET an. 10
Er ging davon aus, dass sich die geistige Entwicklung des Menschen von innen heraus und auf mehren Stufen vollzieht. Er weist dem sich aktiv mit seiner physikalischen und sozialen Umwelt auseinandersetzendem Kind eine zentrale Rolle zu. Es erwirbt so Wissen und ein immer differenzierteres Urteilsvermögen, auch über geschlechtsbezogene Merkmale und Inhalte, die seiner Kultur typisch sind. Somit ist das Kind nach und nach in der Lage sich selbst und andere Personen dem weiblichen oder männlichen Geschlecht eindeutig zuzuordnen.
In der früheren Kindheit erfolgt diese Zuordnung noch durch äußere Merkmale wie Frisur, Kleidung oder Körperbau. Später kommen Verhaltensweisen, Beschäftigungsvorlieben oder Einstellungen und Haltungen als Anhaltspunkte für die Geschlechterzuordnung für das Kind oder den Heranwachsenden hinzu (KASTEN 2003: 47 f.).
In der Kognitiven Theorie von KOHLBERG entwickelt das Kind ab dem dritten Lebensjahr ein Verständnis dafür, welchem Geschlecht es angehört. Es weiß dann zwar, dass es ein Junge bzw. ein Mädchen ist, ist sich aber noch nicht sicher, ob diese Zugehörigkeit zum Geschlecht dauerhaft oder endgültig ist. Ungefähr ein Jahr später kommt es zu einer vorläufigen Festigung der Geschlechtsidentität.
Zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr erfolgt dann laut KOHLBERG die so genannte Herausbildung der Invarianz der eigenen Geschlechtszugehörigkeit. Das heißt, dass nun das Geschlecht zu einem unveränderbaren Merkmal geworden ist, dass konstant bleibt. KOHLBERGS Annahme ist, dass die Kinder, die die Unveränderbarkeit ihrer Geschlechtszugehörigkeit erkannt haben, daran interessiert sind, sich ihrem Geschlecht entsprechend zu verhalten. Damit wollen sie sich und den anderen ihre Geschlechtszugehörigkeit immer wieder bestätigen. Das erreichen sie durch Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, indem sie ihre Wertvorstellungen übernehmen, oder durch Nachahmung und Imitation gleichgeschlechtlicher Modelle.
Die geistig-verstandesmäßige Selbsteinordnung als männlich oder weiblich ist die Grundvoraussetzung für die Ausbildung von Geschlechtsunterschieden und den Aufbau der Geschlechtsrolle. Vorgänge der Bekräftigung, Imitation oder Identifikation spielen erst dann eine Rolle, wenn sich die Geschlechtsidentität gebildet hat, das Kind also ein Verständnis für seine dauerhafte und konstante Geschlechtszugehörigkeit aufbringen kann (Kasten 2003: 47 f.).
Kritisch kann man bei der Kognitiven Theorie die hohe Korrelation zwischen Geschlechtsrollenidentität und Höherbewertung der eigenen Geschlechtsrolle betrachten. Damit unterstellt man den Kindern, dass sie ihre Geschlechtsrollen nicht kritisch betrachten und es nicht auch zu negativen Bewertungen der eigenen Geschlechtsrollenmerkmale kommen kann.


Für die Geschlechtsrollenentwicklung nach FREUD 11 ist der anatomische Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ausschlaggebend. Jungen haben einen Penis und Mädchen nicht, weshalb sie sich als verstümmelt, kastriert und minderwertig empfinden würden und das andere Geschlecht beneiden. Deshalb würden sie sich zum Vater hingezogen fühlen und wollen sich mit ihm, auch geschlechtlich, vereinigen, um ihren kastrierten Zustand zu beenden.

Für Jungen gelte analog, dass sie sich zur Mutter hingezogen fühlen und den Vater als Rivalen erleben würden. Diese auf das andere Geschlecht bezogenen Wünsche spielen sich oftmals unbewusst während der ödipalen 12 Phase (zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr) ab. Dann erfolgt die Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht.
Jungen unterdrücken ihr Begehren dann aus Angst, der Vater, der die älteren Rechte an der Mutter hat, könne sie mit Kastration bestrafen. Sie identifizieren sich mit dem Vater und eifern ihm innerlich und äußerlich nach. Damit ist der Grundstein für das Über-Ich gelegt, das im Verlauf der weiteren Erziehung zum Gewissen ausgebaut wird, das alle moralischen Verbote und Vorschriften der Gesellschaft enthält.


Mädchen würden laut Freud kein Über-Ich ausbilden. Deshalb würden sie auch, gerade weil sie sich dann mit ihrer Mutter identifizieren Charaktereigenschaften wie Eifersucht, Selbstverachtung, Passivität oder Masochismus ausbilden (vgl. KASTEN 1996: 46 f.).
Geschlechterbilder der älteren FREUDSCHEN Psychoanalyse wurden vielfach kritisiert und gelten heute als überholt (vgl. u.a. CHODOROW 1985; LIPSITZ-BEM 1993). Die Kritik basierte auf der Darstellung und Analyse von "männlich" und "weiblich", die bei FREUD durch Polarisierung und Herabwürdigung der Frau geprägt ist. Er hatte "männlich" und "weiblich" getrennt und hierarchisch angeordnet.
Der Mann wurde von ihm als Phallusträger dargestellt, und somit das Männliche als das dominante Modell erster Ordnung verstanden.
Das Weibliche dagegen wurde als defizitär, weil ohne Penis, und somit als abgeleitetes Modell verstanden. Der Mann sei durch das Vorhandensein des Penis vollständig, und die Frau wird durch das Nicht - Vorhandensein als fehlerhaft und zweitrangig charakterisiert. Die Frau war also durch ihre organische "Minderwertigkeit" dem Mann untergeordnet und die Überlegenheit des Mannes festgelegt. FREUD wurde diese Zentrierung auf die äußeren Geschlechtsmerkmale bei der Entwicklung einer Geschlechtsidentität von Kindern vorgeworfen (vgl. RENDTORFF 2003: 53 f.; LIPSITZ-BEM 1993: 56 f.; KASTEN 1996: 47). FREUD habe nur selten die Entwicklung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft untersucht.


Bei allen diesen psychologischen Theorien werden biologische, kulturelle und soziologische Einflussfaktoren, die ebenso eine große Rolle bei der Herausbildung geschlechtstypischen Verhaltens spielen, wenig beachtet. Insofern haben die psychologischen Theorien nur eine begrenzte Reichweite.





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9Lawrence Kohlberg (1927-1987) war amerikanischer Psychologe, der sich u.a. mit der  moralischen Entwicklung des Menschen befasste. 1966 erschien "A cognitive-developmental  analysis of children´s sex-role concepts and attitudes", 1974 "Zur kognitiven Entwicklung des  Kindes".
10Jean Piaget (1896-1980) war schweizerischer Philosoph und Psychologe, der sich u.a. mit der   kognitiven Entwicklung des Kindes befasste. 1932 erschien "The moral judgment of the child".
11Sigmund Freud (1856-1939) war österreichischer Neurologe und Psychopathologe. Er begründete   die Psychoanalyse. 1925 erschien "Einige psychologische Folgen des anatomischen   Geschlechtsunterschieds", 1931 "Über die weibliche Sexualität"
12Laut der griechischen Mythologie tötete Ödipus seinen Vater und heiratete, ohne es zu wissen,   seine Mutter, laut der griechischen Mythologie.