Es gibt verschiedene Theorierichtungen, die die Entstehung von Unterschieden im Verhalten zwischen den Geschlechtern interdisziplinär erklären. Aufgrund des unterstellten geschlechtsspezifischen Verhaltens werden die Geschlechter unterschieden.
Die biologische Forschungsrichtung geht davon aus, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern
biologisch, also genetisch bedingt sind, und das Geschlecht somit eine unabhängige Variable
darstellt (vgl. u.a. ALLEMANN-TSCHOPP 1979; GIDDENS 1979; ECKES 1997; KASTEN 2003; RENDTORFF 2003).
ALLEMANN-TSCHOPP (1979: 57 f.) verweist auf biologische Mechanismen für die Entstehung physischer
Geschlechtsunterschiede und sieht in ihnen eine Bedeutung für psychische Phänomene, wie das
Verhalten der Menschen. Einen besonderen Einfluss auf geschlechtsspezifisches Verhalten sieht sie
durch Chromosomen, Keimdrüsen und Hormone. Das 23. Chromosomenpaar bestimmt das physische
Geschlecht, d. h., ob man eine Frau oder ein Mann wird. Verbindet sich das X-Chromosom der Mutter mit
dem X-Chromosom des Vaters, wird es ein Mädchen, wenn sich das X-Chromosom aber mit dem Y-Chromosom
des Vaters verbindet, wird es ein Junge. Bis zur 6. Schwangerschaftswoche sehen Embryonen gleich aus,
danach erfolgt die Differenzierung der Keimdrüsen. Dadurch entstehen die inneren und
äußeren Geschlechtsorgane. Bei XX-Organismen entwickeln sich Eierstöcke, bei
XY-Organismen sind es die Hoden.
Hormone lösen dann die weitere Ausbildung der männlichen und weiblichen Sexualorgane aus.
Es gibt nicht nur männliche oder nur weibliche Hormone. Das unterschiedliche Verhältnis
von männlichen und weiblichen Hormonen ist dabei ausschlaggebend. Hormone beeinflussen die
Ausbildung der Sexualorgane und das Sexualverhalten, sowie die Differenzierung unterschiedlicher Teile
des Zentralnervensystems, die geschlechtsspezifisches Verhalten steuern, wie ALLEMANN-TSCHOPP (1979)
in ihrem Werk über die genetischen Ursachen für die Entstehung von geschlechtsspezifischem
Verhalten bemerkt.
KASTEN (2003: 34 f.) hingegen führt an, dass die Humangenetik heute noch nicht in der Lage ist,
exakt anzugeben, welche einzelnen männlichen bzw. weiblichen Merkmale auf welchen Abschnitt des
Geschlechtschromosoms zurückzuführen sind. Es steht zwar fest, dass die Geschlechtschromosomen
für die Produktion von den Geschlechtshormonen, Androgenen und Östrogenen, zuständig sind,
aber deren Auswirkungen auf das Verhalten von Männern und Frauen seien biologisch nicht bewiesen.
Er verweist aber auf Biopsychologen und Anthropologen, die einen Zusammenhang zwischen
Geschlechtschromosomen und geschlechtsspezifischem Verhalten über die Psyche annehmen. Demnach
sollen Frauen, die mehr Östrogene haben, "expressives Verhalten" aufweisen, was sich durch soziale
Affinität, personenbezogene Orientierung und einer Tendenz zu Sesshaftigkeit und überschaubaren
Zusammenhängen (z. B. familialen) auszeichnet. Männer hingegen verfügen über mehr
Androgene und weisen ein "instrumentelles Verhalten auf", das sich durch Aggress (Herangehen an die
Objekte der Umwelt), Erkundung und aktive Auseinandersetzung mit ihnen, sachbezogen - zielgerichtete
Orientierung und Initiative, aber nicht unbedingt Aggressivität auszeichnet.
Man kann vorerst festhalten, dass es einen Entwicklungsweg gibt, der das biologische Geschlecht, die
äußeren Geschlechtsmerkmale, festlegt, bedingt durch die genetische Verankerung.
In der Soziologie wird zwischen Sex und Gender unterschieden.
Diese Geschlechtsmerkmale, sowie die sich daraus ergebenden körperlichen Funktionen werden als
Sex bezeichnet. Es ist jedoch umstritten, ob man von dem biologischen Geschlecht auf das soziale
Geschlecht (Gender) schließen und jeweilige typische Eigenschaften und Rollen zuordnen kann.
Gender bezeichnet alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen
wird, verweist aber nicht zwingend auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale. Besonders die Gender
Studies bestreiten den kausalen Zusammenhang von biologischem und sozialem Geschlecht. Das soziale
Geschlecht wird vielmehr bezeichnet als eine Konstruktion von Geschlecht . Hierbei geht es zwar
vordergründig um die Zuordnung von Menschen in eine typisch "männliche" oder typisch
"weibliche" Rolle, aber auch um den Wert der Geschlechterrolle. Gender beschreibt also vor
allem die Art und Weise, in der Männer und Frauen sich zu ihrer Rolle in der Gesellschaft selbst
positionieren und wie sie diese Rolle bewerten. Es wird also nicht mehr, wie in Kapitel 2.1.3
beschrieben, uneingeschränkt vom biologischen Geschlecht auf Geschlechtsmerkmale im Verhalten
geschlossen. Heute wird das soziale Geschlecht als eine gesellschaftliche Konstruktion gesehen.
Sehr gut veranschaulichen kann man die Unabhängigkeit zwischen Sex und Gender an einem Beispiel
eines eineiigen Zwillingsbruderpaares, das im Alter von sieben Jahren beschnitten worden ist.
Einer der Brüder verlor dabei aufgrund eines chirurgischen Unfalls den Penis, was die Eltern
bewog, den Jungen als Mädchen aufzuziehen. Das Kind entfaltete sich tatsächlich als
ausgesprochen weiblich (vgl. ALLEMANN-TSCHOPP 1979: 63).
In der Soziologie wird die Geschlechtsrollenübernahme des Kindes überwiegend mit der
strukturell - funktionalen Systemtheorie von PARSONS und BALES (1955) erklärt. Soziale Systeme
werden bei PARSONS durch Zustände und Prozesse sozialer Interaktionen zwischen handelnden Einheiten
gebildet. Dabei bezieht er sich auch auf die vier Subsysteme menschlichen Handelns: den Organismus, das
personale System, das soziale System, das kulturelle System.
Es war sein Ziel zu untersuchen, wie ein stabiler Zustand des Systems im Prozess der Interaktion der
Handelnden zustande kommt und erhalten bleibt. Diese Interaktionen zwischen Handelnden enthalten die
wesentlichen strukturellen Merkmale eines Systems. Für den Erhalt eines Systems müssen vier
funktionale Leistungen erbracht werden: Adaption, Zielerreichung, Integration, Strukturerhaltung.
Die familiale Sozialisation ist ein System, das für die Strukturerhaltung zuständig ist,
neben Schule oder Kirche (vgl. KORTE 1993: 181 ff.).
PARSONS ging davon aus, dass die Kernfamilie durch ihre biologischen Funktionen der Fortpflanzung,
des Generationsunterschiedes und der geschlechtlichen Differenzierung beständig zusammenhält.
Er war der Ansicht, dass man Geschlecht und Generation als Grundlagen der Differenzierung sehen kann und
sie einer soziologischen Betrachtung eines Typs sozialer Ordnung dienen können, der für
die Struktur kleiner Gruppen typisch ist (Ders. 1964: 75).
Einerseits gibt es eine Statusdifferenzierung, die sich durch unterschiedlichen Einfluss auf Prozesse
innerhalb eines Systems ausdrückt. Es gäbe demnach Gruppenbeteiligte, die mehr Einfluss
ausüben und welche, die weniger Einfluss ausüben.
Auf der anderen Seite unterteilt PARSONS die Beteiligten einer Gruppe nach instrumentalen und
expressiven Funktionen. Instrumentale Funktionen richten sich nach außen. Träger dieser
Funktion sorgen für gute Anpassung und Zielerfüllung des Systems der Gruppe. Expressive
Funktionen dagegen sollen die Gruppe innerlich zusammenhalten durch Harmonie und Solidarität.
PARSONS entwickelte darauf aufbauend das Vier- Rollen- Muster der Differenzierung: Hierarchische
Differenzierung in Führer- und Gefolgschaftsrollen und qualitative Differenzierung in instrumentale
und expressive Rollen. Generation ist dabei die Hauptachse der erstgenannten Differenzierung und
Geschlecht die der zweiten (Ders. 1964: 78).
Das Kind lernt seine eigene Rolle kennen, indem es am Rollensystem der Familie teilnimmt. Bei seinen
Handlungen lernt es die Erwartungen der anderen zu berücksichtigen. Dabei spielen Imitation von
Verhaltensweisen, Identifikation mit Vorstellungen und Werten der Eltern, sowie Sanktionen eine Rolle.
Durch die Teilnahme an innerfamilialen Interaktionsprozessen wird das Kind auf die Mitwirkung in
anderen sozialen Systemen vorbereitet. PARSONS bezog sich auf Freuds Theorie der Objektbeziehung.
In der ersten Phase nach der Geburt erlebt das Kind eine enge Symbiose mit der Mutter, da sie
physiologische Bedürfnisse des Kindes befriedigt. Die Mutter befindet sich in der Machtposition.
In dieser Zeit spielen geschlechtsspezifische Unterschiede noch keine Rolle.
Autonomieäußerungen des Kindes werden aber schon je nach Geschlecht unterschiedlich
beurteilt und verstärkt.
Sobald das Kind sein eigenes Geschlecht erkennt, muss es auch die kulturellen Ausformungen des Frau- und Mannseins kennen lernen.
Zuerst haben Kinder beiden Geschlechts eine gleich intensive Beziehung zur Mutter. Dann wendet sich
der Junge von der Mutter ab, um sich mit dem Vater zu identifizieren, während sich das Mädchen
stärker mit der Mutter identifiziert. Dann lernt das Kind die mehr expressive Funktion der Mutter
und die mehr instrumentelle Funktion des Vaters. Somit sieht das Kind die elterliche Autorität
aufgeteilt und verinnerlicht die Grundrollen der Familie. Instrumentalität und Expressivität
kennzeichnen Handlungstendenzen, die das Verhalten von Männern und Frauen steuern können.
Mit dieser Erkenntnis beginnt das Kind seine eigene Geschlechtsrolle zu erlernen. Meist orientiert
sich das Kind am gleichgeschlechtlichen Elternteil.
Sobald das Kind den Rahmen der Familie verlässt, überträgt es die familientypischen
Handlungsarten auf andere Handlungssysteme und es kann passieren, dass neue Bezugspartner ganz anders
reagieren als erwartet. Das was in der Familie gültig war, muss also nicht mit dem üblichen
Verhalten außerhalb der Familie übereinstimmen. Nun muss das Kind lernen, dass die eigene
Familie ein Sonderfall der Kategorie Familie ist und dass bestimmte Rollen nicht an einen einzigen
Rollenträger gebunden sind. Das expressionistische Verhalten der Mutter muss sich also nicht
bei allen anderen Müttern bzw. Frauen wiederfinden (vgl. KÜRTHY 1978: 104).
PARSONS hat mit seiner strukturell- funktionalen Systemtheorie einen Ansatz versucht, die Übernahme von Geschlechtsrollen aus der Perspektive der Funktionen für ein System zu erklären.
Nach der Systemtheorie lernt das Kind in dem System Familie durch Sozialisation, wie es sich in
einem anderen gesellschaftlichen System, z. B. Schule, verhalten soll, um den gesellschaftlichen
Erwartungen und Normen zu entsprechen, und ist somit wichtig für den Erhalt eines Systems, und
für ein störungsfreies Funktionieren der gesellschaftlichen Ordnung.
Diese funktionalistische Auffassung von Parsons wurde von Feministinnen kritisiert, da darin
insgeheim die Unterordnung von Frauen und ihre Einschränkung auf den familiären Bereich
legitimiert wurde. Er unterstellt die Notwendigkeit der geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Familie,
nach der der Mann berufstätig und die Frau für die Versorgung der Kinder zuständig ist.
Diese Auffassung vernachlässigt jedoch die Komplexität des weiblichen Lebenszusammenhangs.
Frauen waren schon immer in beiden gesellschaftlichen Bereichen, in der Familie und im Erwerbsleben
tätig.
Es gibt verschiedene psychologische Theorieansätze, die zu erklären versuchen, warum Jungen und Mädchen schon im Kindergarten verschiedene Verhaltensrepertoires, Interessen und Beschäftigungsvorlieben bilden. Die Psychologen haben sich hauptsächlich damit beschäftigt, wie Jungen und Mädchen erzogen werden. Das Interesse liegt dabei auf Kindheit und Rolle der Eltern bei der Geschlechtsrollenentwicklung.
Es lassen sich im wesentlichen vier Theorien der Ausdifferenzierung und Festigung von
Geschlechterrollen aufzeigen (vgl. u.a. ALLEMANN-TSCHOPP 1979; KASTEN 2003, RENDTORFF 2003;
LIPSITZ-BEM 1993; FILUS-SCHNEIDER 1980).
Die Bekräftigungstheorie beinhaltet laut KASTEN (2003: 36), dass Jungen und Mädchen schon
sehr früh, wahrscheinlich im Kleinkindalter schon, für Verhalten, dass ihrem Geschlecht
angemessen erscheint, bekräftigt werden. Bekräftigung erfolgt durch Lob, Anerkennung,
Belohnung o. ä. Dem Geschlecht unangemessene Verhaltensweisen werden hingegen nicht
bekräftigt, sondern sogar bestraft, missbilligt oder einfach ignoriert. Die
Bekräftigungstheorie basiert darauf, dass bestimmte dem Geschlecht entsprechende
Verhaltensstereotype existieren und Eltern ihre Kinder diesen Stereotypen gemäß erziehen.
Das würde aber implizieren, dass Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln.
CHODOROW (1985: 130) erklärt, dass hinsichtlich der Eltern - Kind - Interaktion, die Wärme
der Eltern, das Ausmaß an Lob und positiver Rückmeldung, in den ersten vier bis
fünf Lebensjahren kaum Unterschiede bezüglich des Geschlechts nachzuweisen sind.
Zu der Imitationstheorie erklärt KASTEN (2003: 42 f.), dass Kinder geschlechtstypisches Verhalten
durch die Beobachtung gleichgeschlechtlicher Modelle und die Nachahmung und Übernahme deren
geschlechtsangemessenen Verhaltens erwerben. Dabei gelten also die Bezugspersonen als Vorbilder, im
Hinblick auf erfolgreiches oder erfolgloses Verhalten. Erfolgreich und erfolglos ist hier im Sinne von
bestrafen oder nicht bestrafen gemeint. Nachgeahmt wird vorwiegend erfolgreiches Modellverhalten, meist
am gleichgeschlechtlichen Vorbild.
Kritikpunkte dieser Theorie liegen u.a. darin, dass Jungen und Mädchen in unserem Kulturkreis
heutzutage in der frühen Kindheit meistens von weiblichen Bezugspersonen betreut werden. Trotzdem
imitieren Jungen nicht nur weibliches Verhalten, was ja nach der Imitationstheorie der Fall sein
müsste. Außerdem haben Jungen und Mädchen in der späteren Kindheit und Jugend in
annähernd gleicher Weise die Gelegenheit, gleich- und gegengeschlechtliches Modellverhalten zu
beobachten. Warum sie sich trotzdem vom anderen Geschlecht abgrenzen und ihrem Geschlecht angemessenes
Verhalten oft übernehmen, kann die Imitationstheorie nicht erklären.
In der Identifikationstheorie wird angenommen, dass durch die sogenannten Primärbeziehungen
geschlechtsspezifisches Verhalten gefördert bzw. erlernt wird. Mit Primärbeziehungen sind die
Beziehungen der Kinder zu den wichtigsten Bezugspersonen gemeint, mit denen sich in den ersten
Lebensjahren häufig eine intensive gefühlsmäßige Beziehung und Bindung
entwickelt. Durch diese Bindung ist die Grundlage und der Anlass gegeben, dass das Kind sich mit der
Person identifiziert. Es wird angenommen, dass Mädchen sich mit der Mutter und Jungen sich mit dem
Vater identifizieren, d.h., dass Jungen und Mädchen sich innerlich mit dem gleichgeschlechtlichen
Elternteil als sehr ähnlich oder identisch erleben. Dieses Gefühl der Ähnlichkeit bewegen
dann Jungen und Mädchen innere Einstellungen, Werthaltungen und äußere Verhaltensweisen
zu übernehmen (Ders. 2003: 45 f.).
Die Abgrenzung zur Imitationstheorie fällt schwer und wird wahrscheinlich darauf beruhen, dass bei
der Identifikationstheorie nicht nur äußeres Verhalten nachgeahmt und übernommen wird,
sondern auch innere Einstellungen und Werte der Bezugspersonen.
Die Kognitive Theorie wurde in den 60iger Jahren von dem Psychologen KOHLBERG 9
ausformuliert und knüpft an die allgemeine Theorie der kognitiven Entwicklung des bekannten
Psychologen PIAGET an. 10
Er ging davon aus, dass sich die geistige Entwicklung des Menschen von innen heraus und auf mehren Stufen
vollzieht. Er weist dem sich aktiv mit seiner physikalischen und sozialen Umwelt auseinandersetzendem
Kind eine zentrale Rolle zu. Es erwirbt so Wissen und ein immer differenzierteres Urteilsvermögen,
auch über geschlechtsbezogene Merkmale und Inhalte, die seiner Kultur typisch sind. Somit ist das
Kind nach und nach in der Lage sich selbst und andere Personen dem weiblichen oder männlichen
Geschlecht eindeutig zuzuordnen.
In der früheren Kindheit erfolgt diese Zuordnung noch durch äußere Merkmale wie
Frisur, Kleidung oder Körperbau. Später kommen Verhaltensweisen, Beschäftigungsvorlieben
oder Einstellungen und Haltungen als Anhaltspunkte für die Geschlechterzuordnung für das Kind
oder den Heranwachsenden hinzu (KASTEN 2003: 47 f.).
In der Kognitiven Theorie von KOHLBERG entwickelt das Kind ab dem dritten Lebensjahr ein
Verständnis dafür, welchem Geschlecht es angehört. Es weiß dann zwar, dass es ein
Junge bzw. ein Mädchen ist, ist sich aber noch nicht sicher, ob diese Zugehörigkeit zum
Geschlecht dauerhaft oder endgültig ist. Ungefähr ein Jahr später kommt es zu einer
vorläufigen Festigung der Geschlechtsidentität.
Zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr erfolgt dann laut KOHLBERG die so genannte Herausbildung der
Invarianz der eigenen Geschlechtszugehörigkeit. Das heißt, dass nun das Geschlecht zu einem
unveränderbaren Merkmal geworden ist, dass konstant bleibt. KOHLBERGS Annahme ist, dass die Kinder,
die die Unveränderbarkeit ihrer Geschlechtszugehörigkeit erkannt haben, daran interessiert sind,
sich ihrem Geschlecht entsprechend zu verhalten. Damit wollen sie sich und den anderen ihre
Geschlechtszugehörigkeit immer wieder bestätigen. Das erreichen sie durch Identifizierung mit
dem gleichgeschlechtlichen Elternteil, indem sie ihre Wertvorstellungen übernehmen, oder durch
Nachahmung und Imitation gleichgeschlechtlicher Modelle.
Die geistig-verstandesmäßige Selbsteinordnung als männlich oder weiblich ist die
Grundvoraussetzung für die Ausbildung von Geschlechtsunterschieden und den Aufbau der
Geschlechtsrolle. Vorgänge der Bekräftigung, Imitation oder Identifikation spielen erst dann
eine Rolle, wenn sich die Geschlechtsidentität gebildet hat, das Kind also ein Verständnis
für seine dauerhafte und konstante Geschlechtszugehörigkeit aufbringen kann
(Kasten 2003: 47 f.).
Kritisch kann man bei der Kognitiven Theorie die hohe Korrelation zwischen
Geschlechtsrollenidentität und Höherbewertung der eigenen Geschlechtsrolle betrachten.
Damit unterstellt man den Kindern, dass sie ihre Geschlechtsrollen nicht kritisch betrachten und es
nicht auch zu negativen Bewertungen der eigenen Geschlechtsrollenmerkmale kommen kann.
Für die Geschlechtsrollenentwicklung nach FREUD 11 ist der anatomische Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ausschlaggebend. Jungen haben einen Penis und Mädchen nicht, weshalb sie sich als verstümmelt, kastriert und minderwertig empfinden würden und das andere Geschlecht beneiden. Deshalb würden sie sich zum Vater hingezogen fühlen und wollen sich mit ihm, auch geschlechtlich, vereinigen, um ihren kastrierten Zustand zu beenden.
Für Jungen gelte analog, dass sie sich zur Mutter hingezogen fühlen und den Vater als
Rivalen erleben würden. Diese auf das andere Geschlecht bezogenen Wünsche spielen sich oftmals
unbewusst während der ödipalen 12 Phase (zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr) ab.
Dann erfolgt die Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht.
Jungen unterdrücken ihr Begehren dann aus Angst, der Vater, der die älteren Rechte an der
Mutter hat, könne sie mit Kastration bestrafen. Sie identifizieren sich mit dem Vater und eifern
ihm innerlich und äußerlich nach. Damit ist der Grundstein für das Über-Ich gelegt,
das im Verlauf der weiteren Erziehung zum Gewissen ausgebaut wird, das alle moralischen Verbote und
Vorschriften der Gesellschaft enthält.
Mädchen würden laut Freud kein Über-Ich ausbilden. Deshalb würden sie auch,
gerade weil sie sich dann mit ihrer Mutter identifizieren Charaktereigenschaften wie Eifersucht,
Selbstverachtung, Passivität oder Masochismus ausbilden (vgl. KASTEN 1996: 46 f.).
Geschlechterbilder der älteren FREUDSCHEN Psychoanalyse wurden vielfach kritisiert und gelten
heute als überholt (vgl. u.a. CHODOROW 1985; LIPSITZ-BEM 1993). Die Kritik basierte auf der
Darstellung und Analyse von "männlich" und "weiblich", die bei FREUD durch Polarisierung und
Herabwürdigung der Frau geprägt ist. Er hatte "männlich" und "weiblich" getrennt und
hierarchisch angeordnet.
Der Mann wurde von ihm als Phallusträger dargestellt, und somit das Männliche als das
dominante Modell erster Ordnung verstanden.
Das Weibliche dagegen wurde als defizitär, weil ohne Penis, und somit als abgeleitetes Modell
verstanden. Der Mann sei durch das Vorhandensein des Penis vollständig, und die Frau wird durch
das Nicht - Vorhandensein als fehlerhaft und zweitrangig charakterisiert. Die Frau war also durch ihre
organische "Minderwertigkeit" dem Mann untergeordnet und die Überlegenheit des Mannes festgelegt.
FREUD wurde diese Zentrierung auf die äußeren Geschlechtsmerkmale bei der Entwicklung einer
Geschlechtsidentität von Kindern vorgeworfen
(vgl. RENDTORFF 2003: 53 f.; LIPSITZ-BEM 1993: 56 f.; KASTEN 1996: 47). FREUD habe nur selten die
Entwicklung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft untersucht.
Bei allen diesen psychologischen Theorien werden biologische, kulturelle und soziologische Einflussfaktoren, die ebenso eine große Rolle bei der Herausbildung geschlechtstypischen Verhaltens spielen, wenig beachtet. Insofern haben die psychologischen Theorien nur eine begrenzte Reichweite.
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9Lawrence Kohlberg (1927-1987) war amerikanischer Psychologe, der
sich u.a. mit der moralischen Entwicklung des Menschen befasste. 1966 erschien "A cognitive-developmental
analysis of children´s sex-role concepts and attitudes", 1974 "Zur kognitiven Entwicklung des
Kindes".
10Jean Piaget (1896-1980) war schweizerischer Philosoph und Psychologe, der sich u.a. mit der
kognitiven Entwicklung des Kindes befasste. 1932 erschien "The moral judgment of the child".
11Sigmund Freud (1856-1939) war österreichischer Neurologe und Psychopathologe. Er
begründete die Psychoanalyse. 1925 erschien "Einige psychologische Folgen des anatomischen
Geschlechtsunterschieds", 1931 "Über die weibliche Sexualität"
12Laut der griechischen Mythologie tötete Ödipus seinen Vater und heiratete, ohne
es zu wissen, seine Mutter, laut der griechischen Mythologie.
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