Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


2.2 Geschlechterdualismus

Die Abwertung der Frauenfreundschaft beruht auf dem Geschlechterdualismus.
"Die Tatsache des Männlichen und Weiblichen. Mit ihr ist das Leben von seinem Grunde her in zwei Parteien gespalten, die jedem Menschen von seinem Ursprung her in irgendeinem Maße und Art einwohnen."(vgl. SIMMEL (orig. 1901-1908, 1992: 74). Er sieht in diesem Dualismus etwas Geschlossenes, aus dem keine Veränderung mehr hervorgeht und der unverändert besteht, so dass der Dualismus der Geschlechter in das Denken der Menschen projiziert wurde. Demnach gibt es zwei verschiedene Geschlechter, die zwei verschiedene Wesensmenschen beinhalten.

Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen sind der Ausdruck für diese Aufteilung. Geschlechterrollen sind nach der Ansicht von SCHMALZHAF-LARSEN (2004: 40) stark an die Vorstellung der hierarchisch organisierten Arbeitsteilung, die sich auf den Produktions- und Reproduktionsbereich bezieht, verbunden.
ECKES (1997: 57) definiert Geschlechterrollen als kulturell geteilte Erwartungen bezüglich des Verhaltens von Frauen und Männern. Es bestehen in der Gesellschaft Muster von Verhaltensweisen der Frauen und Männer, die als angemessen oder unangemessen betrachtet werden.
Geschlechterrollen sind also Verhaltenserwartungen oder Verhaltensvorschriften für das jeweilige Geschlecht, die beinhalten welche Verhaltensweisen in der Gesellschaft üblich oder anerkannt sind.


Geschlechterstereotype definiert ECKES als





"... kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Frauen bzw. Männern enthalten." (Ders. 1997: 56).
KASTEN (2003: 29) erweitert diese Erklärung der Geschlechterstereotype dahingehend, dass dem Mann typisch "männliche" und der Frau typisch "weibliche" Eigenschaften zugeordnet werden, die meistens gegensätzlich sind. Diese Zuordnung von Eigenschaften leitet unsere Erwartungen und Handlungen bezogen auf "weibliche" und "männliche" Personen in konkreten sozialen Situationen.
Geschlechtsrollenstereotype gelten als gesellschaftliche Vorstellungen über "Männlichkeit" und "Weiblichkeit". Sie sind die geschlechtstypischen Merkmale des Verhaltens der jeweiligen Geschlechterrolle.
RENDTORFF (2003: 26) bezeichnet Geschlechterstereotype sogar als wirkmächtige Organisationsprinzipien der Vorstellung von Welt und Natur. Geschlechterstereotype und Geschlechterrolle sind also spezifische Erwartungen an das Verhalten der Geschlechter, basierend auf bestimmten Zuordnungen von geschlechtstypischen Eigenschaften, die dem Individuum als gesellschaftliche Vorlage dienen.
Die Geschlechterrollen sind Muster von geschlechtsbezogenen Verhaltensvorschriften, und die Geschlechterstereotypen sind die mit der jeweiligen Rolle verbundenen typischen Merkmale. Das Geschlecht ist nur eine Zuschreibung der Gesellschaft.

In der wissenschaftlichen Literatur der letzten Jahrzehnte gibt es übereinstimmende Meinungen über die Geschlechterstereotype (vgl. u. a. ALLEMANN-TSCHOPP 1979; FELDMANN-NEUBERT 1991; ECKES 1997; KASTEN 2003).
Geschlechterstereotype lassen sich in zwei Kategorien unterteilen: Merkmale, die häufiger mit Frauen als mit Männern, und Merkmale, die häufiger mit Männern als mit Frauen in Verbindung gebracht werden.
Die erste Kategorie beinhaltet das kulturelle Frauenstereotyp. Dieses umfasst u.a. Merkmale wie abhängig, verständnisvoll, emotional, sanft, warmherzig, gesprächig, anlehnungsbedürftig.
Die zweite Kategorie beinhaltet das kulturelle Männerstereotyp mit Merkmalen wie unabhängig, dominant, selbstsicher, ehrgeizig, zielstrebig, rational, willensstark (vgl. ECKES 1997: 57 f.).
KASTEN (2003: 30) beschreibt die Liste der typisch männlichen und typisch weiblichen Eigenschaften als endlos. Demnach gelten Frauen u.a. als:
abhängig, ängstlich, attraktiv, aufreizend, behutsam, vorsichtig, charmant, einfühlsam, emotional, familienorientiert, friedlich, gefühlsbetont, gehorsam, geschwätzig, hilflos, kinderlieb, kleidungsbewusst, launisch, nachgiebig, nett, passiv, rücksichtsvoll, sanft, schutzbedürftig, schwach, sensibel, sicherheitsbedürftig, taktvoll, umgänglich, unentschlossen, unlogisch, unselbstständig, verständnisvoll, weich, zart.


Männer dagegen gelten als:
Abenteuerlustig, aggressiv, aktiv, ausgeglichen, bestimmend, direkt, dominant, ehrgeizig, entschieden, entschlusskräftig, entscheidungsstark, führungsbewusst, groß, hart, kämpferisch, kontrolliert, kraftvoll, kräftig, kühn, verwegen, mutig, tapfer, nicht leicht verletzbar, objektiv, sachlich, rational, realistisch, selbstbewusst, stark, überlegen, unabhängig, unternehmungslustig, verantwortungsbewusst, weinen nicht, wettbewerbsorientiert und zuverlässig.
Diese beiden Merkmalsbündel kann man in Anlehnung an PARSONS und BALES (1955) mit Instrumentalität und Expressivität/Affektivität 8 bezeichnen.


Geschlechterrollen und die damit verbundenen Merkmale kennzeichnen die Unterscheidung der Geschlechter und ihre jeweiligen Rollen. Ihnen werden verschiedene Merkmale zugeordnet, die gegensätzlich sind. Das Geschlecht ist eine soziale Konstruktion. In patriarchalen Gesellschaften mit androzentrischen Denkstrukturen entsprach nicht der weiblichen Geschlechterrolle, dass sie fähig ist wahre, Freundschaften zu führen.





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8Im Soziologie - Lexikon wird Affektivität definiert durch Emotionalität, also die  Gefühlsorientiertheit einer Person im Handeln, in der Bewertung von Verhalten, Gegenständen  oder Sachverhalten. (vgl. ebd. S. 7) Instrumental wird dagegen als zweckdienlich definiert. (vgl.  ebd. S. 269)