Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


II. Theorien zur Erklärung von      Geschlechtsungleichheiten

Nachdem der Freundschaftsbegriff erläutert wurde und nun eine Vorstellung davon besteht, um welche soziale Kategorie es sich in dieser Arbeit handelt, soll nun auf den zweiten Schwerpunkt eingegangen werden: die Geschlechterverhältnisse.

Ziel dieser Arbeit ist es, gleichgeschlechtliche Freundschaften im Kontext der Geschlechterrollen in der Gesellschaft zu untersuchen. Da bei Männer- und Frauenfreundschaften eine Aufteilung der Geschlechter vorgenommen wurde mit unterschiedlicher Statuszuweisung, muss man hier Geschlechtsunterschiede postulieren, die zu dieser Auffassung geführt haben. Dem männlichen Geschlecht wurde die Fähigkeit zu Freundschaft zugeordnet und dem weiblichen nicht.
Deshalb ist es wichtig im vorhinein einige Konzepte und Theorien darzustellen, die den Anspruch haben, die Aufteilung der Geschlechter und Geschlechtsunterschiede zu erklären. Außerdem soll ein Verständnis dafür entstehen, in welchem zeitgeschichtlichen Kontext diese Unterscheidung zwischen den Geschlechtern liegt.



2.1 Patriarchat und Androzentrismus

An dieser Stelle soll das Konzept des Androzentrismus erläutert werden, da es das Entstehen von Unterschieden zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf Abwertung eines Geschlechts vor dem anderen gut veranschaulicht.

Das Konzept des Androzentrismus wurde das erste Mal zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erwähnt von PERKINS GILMAN in ihrem Buch mit dem Titel: "The Man Made World or Our Androcentric Culture" 3.
Androzentrismus bedeutet demnach Mann-Zentriertheit. Der Mann und seine Erfahrungen werden zu einem neutralen Standard oder einer Norm für die Kultur. Frauen und ihre Erfahrungen werden dann gesehen als eine geschlechtsspezifische Abweichung von diesem universellen Standard des Mannes. Der Mann betrachtet die Welt aus seinen Augen und beschreibt sie aus einem egozentrischen (androzentrischen) Standpunkt aus. Er teilt die Realität in "Selbst" und "Anderes", und alles was unter "Anderes" fällt, definiert er in Beziehung zu seinem "Selbst", die Frauen einbezogen.
Damit sieht sich der Mann als das Universelle auf der Welt, als den Standard und alles was davon abweicht als das "Andere", als eine Abweichung.
Der Mann definiert alles in bezug zu sich und welche Funktionen etwas für ihn hat, nicht durch das, was es eigentlich selbst ist. So definiert der Mann auch die Frauen als etwas "Anderes" und sieht ihre Beziehung zu ihm durch:


  • Ihre Unterlegenheit als die universelle Norm, die er als natürlich repräsentiert sieht.
  • Ihre häusliche und reproduktive Funktion in Familie und Haushalt, die von ihm     geführt wird.
  • Ihre Fähigkeit ihn zu stimulieren und sexuell zu befriedigen (vgl. LIPSITZ-BEM 1993:     46 f.).
  • Damit übereinstimmend erläutert eine freie Enzyklopädie Androzentrismus als die gesellschaftliche Fixierung auf den Mann oder das "Männliche" . Die Wahrnehmung allen Lebens von einem "männlichen" Standpunkt aus, so dass das "Männliche" normal ist und das "Weibliche" Zusatz, Ausnahme oder Sonderfall bedeutet.4
    Androzentrische Gesellschaftsstrukturen sind typisch für die Gesellschaftsordnung des Patriarchats, das durch die Vorherrschaft von Männern geprägt ist. Im Patriarchat wird dem Prinzip des Männlichen große Bedeutung beigemessen.

    Anhand des Androzentrismus wird die Männer-Dominanz von Freundschaft schlüssig. Der Mann würde demnach nur sich und seine Freundschaften zum eigenen Geschlecht als das Universelle ansehen, und den Frauen gar nicht die Fähigkeit zur Freundschaft zusprechen, da sie nur eine Abweichung von ihm selbst ist. Die Männerfreundschaft wäre demnach "normal" und die Frauenfreundschaft ein Sonderfall oder Abweichung, also nichts eigenständiges.
    LIPSITZ-BEM hat verschiedene kulturelle Diskurse untersucht, und das Konzept des Androzentrismus darin wieder gefunden.



    2.1.1 Jüdisch-christliche Theologie

    Diese Aspekte des Androzentrismus findet man schon in der biblischen Geschichte. Adam wurde nach Gottes Vorstellung kreiert. Eva ist die unterlegene Abweichung vom göttlichen Standard. Gott habe Eva als Hilfe für Adam erschaffen, und damit er nicht so allein sein müsse. Die Frau ist aus einem Knochen des Mannes erschaffen worden.

    Sie wurde als sexuelle Versuchung gesehen. Außerdem sei sie schwach und weniger als eine perfekte Annäherung an den männlichen Standard und Adam unterlegen. Es fehle ihr an Kraft, rationalen Fähigkeiten, Selbstkontrolle, Frömmigkeit und moralischer Strenge.

    Die Frau ist demnach eine unterlegene Abweichung des männlichen Standards und nur dafür geschaffen worden, eine Hilfe für Adam zu sein. In dieser Theologie wurde den Geschlechtern ihre ungleichen Naturen und Unterschiede von Gott gegeben (Dies. 1993: 47 f.).



    2.1.2 Griechische Philosophie

    Die alten Griechen haben viele kulturelle Fortschritte vollbracht. Sie hatten aber auch eine Tradition der Frauenfeindlichkeit, die das Denken über Frauen bis heute nährt. Plato und Aristoteles als Vertreter dieser Zeit definierten Frauen folgendermaßen:
    Die Frau ist die unterlegene Abweichung des männlichen Standards. Die Frau ist die Untergebene in der Männer-dominierten Familie. Sie hat spezielle Funktionen, wie die Kinder aufzuziehen und verschiedene häusliche Tätigkeiten.
    In dieser Philosophie wurden den Geschlechtern ihre Ungleichheit und Unterschiede von der Natur gegeben (Dies. 1993: 49 f.).



    2.1.3 Theoretische Verfechter im 19. Jahrhundert

    Einen nicht unerheblichen Beitrag zu der Bildung eines unterschiedlichen Geschlechterverständnisses haben amerikanische Wissenschaftler im 19. Jahrhundert geleistet. In dieser Zeit vertrat man noch die These, dass geschlechtsspezifisches Verhalten ausschließlich natürlich bedingt sei.
    Im 19. Jahrhundert entstand eine Frauenrechtsbewegung in Amerika. Sie kämpften für Wahlrecht, gleiche Ausbildung wie die Männer und Teilnahme an der Öffentlichkeit, sowie das Recht, Hosen zu tragen.
    Diese Bewegung der Frauen berührte die bestehende soziale Ordnung so sehr, dass biologische Theorien über die Unterschiede zwischen Mann und Frau intensiviert wurden, um die Frauen minderwertig darzustellen und somit das alte Muster zu bewahren. So sollten Geschlechterunterschiede, die den Mann von Natur gegeben als das Stärkere und die Frau als das schwächere Geschlecht darstellten, verhärtet und durch wissenschaftliche Erläuterungen glaubhaft gemacht werden.


    Vertreter dieser Zeit waren CLARKE 5, SPENCER 6 und DARWIN 7. Die Theorien dieser Männer besagten u. a., dass Bildung für Frauen gesundheitsschädlich sei, da sie alle Energie für ihre reproduktiven Organe benötigen würden. Außerdem hätte die Biologie die Klassen und Geschlechter geformt und die natürliche Arbeitsteilung bestimmt, die Frauen für den häuslichen und reproduktiven Bereich vorsieht und Männer für die materielle Versorgung der Familie. Diese Aufteilung sei somit unveränderbar. Sie wollten die Ansicht verfestigen, dass der Mann angesehener als die Frau wäre, weil er so wichtige Aufgaben habe, wie z. B. das Beschützen und Versorgen der Frau und des Nachwuchses (vgl. LIPSITZ-BEM 1993: 10 ff.).

    Hier wird die Reduzierung der Frau auf die Reproduktion sehr deutlich. Damals wurde die Reproduktion als ein Argument gegen die Bildung der Frauen genutzt. Hier könnte man argumentieren, dass der Mann sich bewusst war, welche wichtige Aufgabe die Frau mit der Reproduktion von der Natur bekommen hat, und dass er dabei keine Rolle spielt.

    Um es mit HOLLSTEINS (1993: 56) Worten zu beschreiben, lässt die Fruchtbarkeit der Frau den Menschen leben und weiterleben. Die Frau kann gebären und damit den Fortbestand der Gemeinschaft sichern. Der Mann gibt zwar den Samen dazu, aber hinsichtlich der Leistung der Frau, die sie während der Schwangerschaft und Geburt erbringt, erscheint seine als zweitrangig und gering. Der Beitrag des Mannes zur Fortpflanzung ist momentan und flüchtig und danach bleibt er funktionslos zurück. Diese natürliche Minderheit, die Männer da fühlten, begannen sie durch andere Leistungen zu kompensieren.

    Sie bauten Werkzeuge, zogen Zäune um Äcker und Herden, formulierten Gesetze und gründeten Herrschaft. Gegen die Natur der Frau entstand die Kultur der Männer."(Ders. 1993: 56).

    Männer könnten Angst gehabt haben, dass die Frauen neben ihrer so wichtigen Aufgabe der Reproduktion auch noch in den männerdominierten Bereichen Einfluss erlangen könnten durch den Zugang zur Bildung.

    Im europäischen Raum entwarf Freud um 1900 eine Theorie, die besagte, dass Männer und Frauen sich in der Kindheit psychologisch verschieden entwickeln.


    Freud meinte, dass für Kinder die physiologische Geschlechter-Differenziertheit von dem Vorhandensein oder Fehlen von Männlichkeit abhängig ist. Die weiblichen Genitalien wären die verstümmelte Version und ein ungenügender Ersatz des männlichen Genitals. Damit definierte er in androzentrischer Vorstellung die Frau als die unterlegene Abweichung des männlichen Standards.

    Diese weibliche Unterlegenheit sei nicht nur auf den Körper begrenzt.
    Seine zweite Annahme mit androzentrischer Vorstellung basiert auf der Definition der weiblichen Sexualität, die auf den Mann gerichtet und passiv sei (vgl. CHODOROW 1985; LIPSITZ-BEM 1993: 56).


    Durch diese Theorien mit androzentrischem Charakter, wollte die Wissenschaft verhindern, dass Frauen in Ihren Bereich eindringen und sie damit an Kompetenz verlieren könnten. Unter anderem manifestierten sich diese androzentrischen Theorien im amerikanischen Recht des 18. Jahrhunderts. Das besagte, dass die legale Identität der Frau in der ihres Ehemannes eingebettet ist. Außerdem war die Privatheit der Familie immun vor äußerer Einmischung. Damit war die Ehefrau ihrem Ehemann legal unterlegen und ausgeliefert. Ihre Existenz ist nach der Heirat sozusagen verloren gewesen, und sie wurde völlig isoliert in einer Familie, die Mann-dominiert war.


    Mann-Zentriertheit nach dem androzentrischen Konzept fand man also schon in der Bibel und dem alten Griechenland bis ins 19. und 20. Jahrhundert. Später wollte man durch biologische und psychologische Theorien die Unantastbarkeit dieser Geschlechtshierarchie verhärten. Damit wurde den Menschen vermittelt, dass die Frau dem Mann unterlegen ist und der Mann der universelle Standard ist, von dem die Frau abweicht. Das Konzept des Androzentrismus erläutert, dass die Welt aus dem Blickwinkel des Mannes definiert, und die Frau nur als Abweichung des Mannes gesehen wird. Die Aufteilung und Unterscheidung der Geschlechter erfolgte mit unterschiedlicher Statuszuweisung. Durch diese Mann-Zentriertheit konnte auch die Freundschaft zwischen Männern als der Standard, und die der Frauen als Abweichung und deshalb nicht so wertvoll gesehen werden.





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    3Charlotte Perkins Gilman (1860-1935) war eine amerikanische sozialkritische Schriftstellerin. Sie  war auch eine Vertreterin der "ersten" Frauenbewegung. "The Man - made World or Our  androcentric Culture" wurde 1911 veröffentlicht.
    4Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus
    5Edward H. Clarke war eine englischer Medizinprofessor. 1873 wurde sein Buch "Sex in Education  or A fair chance for girls" veröffentlicht.
    6Herbert Spencer (1820-1903) war ein britischer Philosoph und Soziologe. 1852 wurde "A theory of  population deduced from the general law of animal fertility." veröffentlicht, 1873 "Psychology of  the Sexes".
    7Charles Darwin (1809-1882) war englischer Wissenschaftler und Begründer der modernen  Evolutionstheorie. 1859 erschien "The origin of species by means of natural selection".