Die Komplexität der Freundschaft führt dazu, dass verschiedene Definitionen entwickelt
wurden, die alle für sich den Anspruch erheben, die wichtigsten Dimensionen von Freundschaft zu
erfassen.
In diesem Abschnitt sollen einige dieser Definitionen chronologisch geordnet dargeboten werden, damit
mit dem Freundschaftsbegriff vertraut gemacht wird und die große Bandbreite von
Freundschaftsdefinitionen deutlich wird. Es besteht dabei kein Anliegen, eine wissenschaftlich fundierte
Definition von Freundschaft zu entwickeln und darzubieten, sondern als Grundlage für diese Arbeit
soll ein Verständnis entstehen, was Freundschaft ist und bedeutet. Die grundsätzlichen
Charakteristika von Freundschaft sollen gezeigt werden.
Freundschaft ist zwar komplex, aber bei den verschiedenen Definitionen finden sich doch eindeutige Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen darüber, was Freundschaft bedeutet.
In der Antike spielte Freundschaft schon eine große Rolle und verschiedene Philosophen dieser Epoche haben sich mit ihr beschäftigt, u. a. ARISTOTELES und CICERO. ARISTOTELES (1956: 170 f.) betonte in seiner "Nikomachischen Ethik" drei Motive, Freundschaft einzugehen: Freundschaft um des Wesens Willen, des Nutzens Willen und der Lust Willen. Für ihn ist Freundschaft eine eigenständige Sozialbeziehung, die in der Gemeinschaft höchst notwendig und nicht mit anderen Bindungen identisch ist. Er betont die Wichtigkeit der Gleichheit der Beteiligten, dass gemeinsames Aufwachsen und Gleichaltrigkeit großen Einfluss auf Freundschaft habe.: "Vollkommene Freundschaft von trefflichen Charakteren, die gleich sind." (Ders. 1956: 174). Treffliche seien einander gut, nützlich und angenehm. "Freundschaft hat Werte und Lust zum Ziel und beruht auf Wesensgleichheit." (Ders. 1956: 174).
Der Soziologe TÖNNIES stimmt in dem Aspekt der Gleichheit als Basis für Freundschaft mit
Aristoteles überein.:
"...am ehesten gegeben durch Gleichheit oder Ähnlichkeit des
Berufes oder der Kunst." (Ders. Orig. 1887, 1926: 15). Er vertritt die Meinung, dass die
Arbeit einander verbinde und Freundschaften entstehen lasse, und sie ein geistiges Band der Beteiligten
bewirke. Freundschaft ist, laut TÖNNIES mentaler Natur und beruht auf Zufall oder freier Wahl.
KRACAUER (orig. 1917, 1971: 46 f.) beschreibt Freundschaft als das engste geistige Verhältnis, das die loseren Beziehungen der Kameradschaft, Fachgenossenschaft und Bekanntschaft mit einfasst. Er beschreibt die wahrhafte Freundschaft, die für ihn in der Pflege ähnlicher Gesinnungen besteht und gemeinsame Entwicklungen voraussetze. Es müsse eine Übereinstimmung in den Idealen und im Welt- und Menschenbegreifen vorhanden sein. Freundschaft ist bei ihm auch durch den Wachstum mit- und durcheinander geprägt.
"Während ich überall sonst genötigt bin, mich in tausenden Lebenskreisen zu zersplittern, hier ein Stückchen zu nehmen, dort ein Quentchen zu geben, darf ich ihm so gesammelt und umfänglich nahen, wie ich bin und wie ich mich fühle. Meine Existenz ist ihm voll gegenwärtig, er kennt mein Verhältnis zu den Menschen, und versteht, warum ich so und nicht anders handeln muss, denn noch zu dem widersprechendsten Tun hat er die inneren Verbindungsfäden in Händen."(Ders. Orig. 1917, 1971: 47).
Für BELL beinhaltet Freundschaft folgende Aspekte:
"...friends must be seen as equals by one another. (...) friendship is seen as voluntaristic and
highly personal (...) the development of friendship is based on private negotiations and is not
imposed through cultural values or norms." (Ders. 1981: 10). Demzufolge sieht er auch die
Gleichheit als wichtigen Aspekt in Freundschaften. Freundschaft sei freiwillig und persönlich, und
die Entwicklung von Freundschaft basiere auf privaten Verhandlungen und wird nicht von kulturellen Werten
oder Normen beeinflusst.
Im "Wörterbuch der Soziologie" wird Freundschaft von HILLMANN beschrieben als:
"...soziologisch schillernder Begriff für eine besonders persönlich gefärbte Form
direkter sozialer Beziehungen, die - ohne spezifische Rollenverpflichtung - freiwillig und auf
längere, nicht fixierte Dauer eingegangen wird." (Ders. 1982: 224).
In Abgrenzung zu anderen sozialen Beziehungen erläutern ARGYLE & HENDERSON (1986: 80 f.) Freundschaft als eine Form der menschlichen Beziehungen, die nicht, wie die Ehe, durch eine Zeremonie begründet sei und auch nicht, wie zwischen Arbeitskollegen oder Verwandten, abhängig von irgendwelchen Rollenbezügen. Freundschaft umschließe Menschen, die einander mögen und gern gemeinsam bestimmte Dinge unternehmen. Des weiteren sei Freundschaft freiwillig und ohne klar umrissene Regeln.
Für HAYS (1988: 391) ist Freundschaft ein flexibler, dynamischer und multidimensionaler Prozess, dessen Struktur und Funktionen je nach beteiligten Individuen, dem Umfeld und dem Entwicklungsstand der Freundschaft variieren. Damit versucht er die Komplexität des Begriffes mit in die Definition einzubeziehen.
Eine Definition von AUHAGEN lautet:
"...eine dyadische, persönliche und informelle Sozialbeziehung (...) die Existenz der
Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. (...) Freundschaft besitzt für jeden der Freundinnen/Freunde
einen Wert, welcher unterschiedlich starkes Gewicht haben und aus verschiedenen inhaltlichen Elementen
zusammengesetzt sein kann." (Dies. 1993: 207). Sie versucht dann eine genauere Explikation
durch Erläuterung der verwendeten Begriffe.
NÖTZOLDT-LINDEN definiert Freundschaft als "...eine auf freiwilliger Gegenseitigkeit basierende dyadische, persönliche Beziehung zwischen nicht verwandten, gleichgeschlechtlichen Erwachsenen in einer Zeitspanne." (Dies. 1994: 29). Damit hat sie eine sehr allgemeine Definition entwickelt, die allumfassend ist, aber z. B. gegengeschlechtliche Freundschaft ausschließt.
WINSTEAD, DERLEGA & ROSE erklären Freundschaft folgendermaßen:
"...friendship is a voluntary relationship, it is not shaped by laws or regulations. Consequently, a
friendship has no formal ending."(Dies. 1997: 111). Sie sehen Freundschaft ebenfalls als
freiwillige Beziehung und betonen auch die Unabhängigkeit von Freundschaft von Gesetzen oder Regeln.
Freundschaft habe kein formales Ende.
Diese aufgeführten Definitionen von Freundschaften unterscheiden sich, indem verschiedene Aspekte
der Freundschaft berücksichtigt und einbezogen werden, bzw. außer acht gelassen werden.
Jedoch sind die Autoren sich in bestimmten Punkten weitgehend einig.:
Freundschaft ist eine persönliche Beziehung, die auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit beruht und
für eine unbestimmte Dauer eingegangen wird. Sie ist nicht an bestimmte Rollenerwartungen gebunden,
und wird nicht von Gesetzen oder Regeln bestimmt. Einige Autoren betonen die Relevanz der Gleichheit
oder Ähnlichkeit der Beteiligten.
Da in dieser Arbeit die "wahre" Freundschaft vordergründig ist, bezogen auf den Ausdruck "die einzig wahre Freundschaft", sollen auch Autoren zur Sprache kommen, die diese Unterteilung berücksichtigen. ARGYLE & HENDERSON (1986) bemerken, dass "enge" Freunde oft Gegenstand der Forschung sind, dass diese aber weniger zahlreich sind. "Enge" Freundschaft bedeutet laut Aussage der Autoren, dass dort eher über persönlichere Themen gesprochen wird, mehr Hilfe geleistet wird, die Beteiligten sich ungezwungener fühlen können, und das Gefühl haben mehr sie selbst sein zu können, als in nicht so "engen" Freundschaften (vgl. Dies. 1986: 84).
Für VALTIN & FATKE sind "gute" und "beste" Freunde "diejenigen, mit denen man - unabhängig von der Regelmäßigkeit oder Häufigkeit des Zusammentreffens - intime Gedanken und Gefühle austauscht und durch eine ganz besondere emotionale Qualität verbunden"ist (Dies. 1997: 30).
Darüber hinaus erhöht nach BELL (1981: 403) Intimität und Enge zwischen den Freunden den gegenseitigen Wert der Freunde und das Vertrauen in die Freundschaft. Intimität ist anscheinend ein zentraler Bestandteil von Freundschaft zwischen "engen" Freunden. Es ist schwierig "enge" mit "wahrer" Freundschaft gleichzusetzen, da dies eher einem subjektiven Empfinden näher kommt, doch kann man wohl davon ausgehen, dass "enge" und "wahre" Kategorien sind, die etwas vom Normalfall Gesteigertes bedeuten.
So soll für die weitere Arbeit Freundschaft heißen:
Eine auf Freiwilligkeit und Gegenseitigkeit beruhende persönliche Beziehung von unbegrenzter
Dauer, die durch Austausch intimer Gedanken und Gefühle, und ein hohes Maß an Vertrauen
gekennzeichnet ist.