Fachbereich: Soziologie
Diplomarbeit: Freundschaft im Wandel der Geschlechterrollen


Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann.
(Ralph Waldo Emerson, 1803-1882)


I. Der Begriff Freundschaft

Einleitend soll mit dem Begriff Freundschaft vertraut gemacht werden.



1.1 Problemdarstellung der Freundschaftsdefinition

Als soziologische Kategorie ist Freundschaft noch nicht so in das Zentrum der Aufmerksamkeit gelangt, wie sie es eigentlich verdient hätte. Es gibt Soziologen, die sich mit Freundschaft beschäftigt haben, aber oft nur am Rande ihrer Arbeiten (vgl. u. a. TÖNNIES orig. 1887, 1926; SIMMEL orig. 1908, 19831; VON WIESE orig. 1924, 1955; KRACAUER orig. 1917, 1971). Die meiste Beachtung findet Freundschaft in der Sozialpsychologie.

In diesem Abschnitt sollen die Probleme der Begriffsbestimmung aufgeführt werden, um die Vernachlässigung der Kategorie Freundschaft in der Soziologie verständlich zu machen und die Komplexität des Begriffes Freundschaft zu veranschaulichen. Es besteht eine große Bandbreite von Freundschaftsdefinitionen, was auf die Komplexität des Begriffes zurückzuführen ist. Interpersonal und interkulturell herrscht ein unterschiedliches Verständnis von Freundschaft (vgl. u.a. HAYS 1988; TENBRUCK 1990; AUHAGEN 1993; NÖTZOLDT-LINDEN 1994).

Die individuell verschiedene Wahrnehmung von Freundschaft belegt NÖTZOLDT-LINDEN (1994: 24) mit einer Studie zur Erwachsenenfreundschaft, in der geprüft wurde, ob die im Interview angegebenen "besten" oder "engen" Freunde umgekehrt ihre Beziehung zu der jeweiligen Person genauso eingestuft haben. Das erstaunliche Ergebnis war, dass vierundsechzig Prozent der Befragten die Erstinterviewten nicht einmal erwähnten. Darauf angesprochen sagten sie, dass die Beziehung zu denjenigen Personen, von denen sie als "beste" oder "enge" Freunde benannt wurden, keine Freundschaftsbeziehung wäre. Das Ergebnis weist darauf hin, dass große Diskrepanzen in der Wahrnehmung und dem Erleben von Freundschaft bei Individuen herrschen.

Die Autoren stimmen darin überein, dass es verschiedene Freundschaftstypen in verschiedenen Kulturen gibt, die sich zudem noch nach Geschlechtern, Alter und Stand unterscheiden. In Amerika z. B. scheint der Begriff "friend" ein allgemeinerer Titel zu sein, als in Europa (vgl. AUHAGEN 1991: 5).Diese unterschiedlichen Auffassungen der Bedeutung von Freundschaft bringen forschungstechnische Probleme mit sich.

Auf einer Tagung des Veranstalters PROJEKTVERBUND "FREUNDSCHAFT UND VERWANDTSCHAFT" im Februar 2004 in Halle/Saale wurden die Probleme der Begriffsbestimmung von Freundschaft folgendermaßen kategorisiert:

"...der empirische Befund, dass die Gesellschaft selbst eine sehr unspezifische Semantik der Freundschaft pflegt: Befragungen haben gezeigt, dass der Begriff der Freundschaft auf höchst unterschiedliche Beziehungen angewandt wird und die Bezeichnung ´Freund` häufig als eine Art Residualkategorie verwendet wird (´just friends`), so dass eine Abgrenzung zu ´Bekannten` zunehmend schwer fällt. Entsprechend schwierig gestaltet sich eine Operationalisierung des Phänomens in der empirischen Forschung, die sich häufig eher an der methodischen Erfassbarkeit (Kontakthäufigkeit, Hilfeleistung, Gesprächsthemen, emotionale Nähe) orientiert, als an einem stringentem theoretischem Konzept, das insbesondere die kontextuelle Einbettung der Freundschaftsbeziehung betonen müsste."2

Die Operationalisierung des Begriffes ist schwierig und aus diesem Grund widmen sich Forscher meist nur bestimmten Teilgebieten des Phänomens. HAYS (1988: 391) führt Aspekte auf, nach denen die Freundschaftsdefinitionen variieren. Er nennt Lebenszyklus, soziokulturellen Hintergrund, die verschiedenen Geschlechter und die verschiedenen Entwicklungsstände der jeweiligen Freundschaften. Ein Freund könne ganz vieles sein.: Ein "Kumpel", mit dem man Federball spielt, eine intimer Vertrauter, mit dem man seine privaten Gedanken und Gefühle teilt, jemand der in einem anderen Land lebt und mit dem man einmal im Jahr Briefe tauscht, oder jemand den man alle paar Tage mal trifft.

Als Fazit zu dem Definitionsproblem von Freundschaft sagt er:

"The protean quality of friendships presents a definitional Problem for investigators that has impeded the development of a coharent body of knowledge on friendship." ( Ders. 1988: 391).

Das Definitionsproblem wirkt also einer einheitlichen Forschung entgegen. Freundschaft ist zu komplex, um in einer einzigen Definition vollständig erfasst werden zu können.

AUHAGEN (1993: 14) bemerkt, dass eines der wichtigsten Merkmale der Freundschaft ist, dass sie so wenig inhaltliche Vorgaben an ihre Beteiligten macht, und ob es somit überhaupt sinnvoll erscheint, Freundschaft definieren zu wollen.

Diese Tatsachen führten zu verschiedenen Definitionen für Freundschaft und damit auch dazu, dass sie in der Soziologie eine vernachlässigte Kategorie ist (vgl. NÖTZOLDT-LINDEN 1994). Eine Schwierigkeit, die sich aus dem Facettenreichtum von Freundschaft und dem Definitionsproblem für eine einheitliche Forschung ergeben, ist zum Beispiel die Möglichkeit des eventuellen Ausschlusses bestimmter Freundschaftsformen von einer Untersuchung durch festgelegte Definitionen.

Anders ausgedrückt: Möchte ein Forscher Konflikte zwischen Freundespaaren untersuchen, könnte es sein, dass er z. B. gegengeschlechtliche Freundespaare ausschließt, weil er sie in seiner Definition nicht berücksichtigt hat.


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1Simmel hat das Konzept der "differenzierten Freundschaft" entworfen. Darauf soll aber in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden, da er sich nicht auf die Geschlechter bezieht.

2Der Projektverbund beschäftigt sich seit Juli 2002 mit diesem von der Volkswagenstiftung finanzierten Forschungsprojekt über die Struktur und Bedeutung von Verwandtschaft und Freundschaft aus soziologischer, historischer, ethnologischer und biologischer Perspektive, initiiert durch die These, dass in einer modernen, komplexen und flexiblen Gesellschaft Freundschaft die eigentlich angemessene Form persönlicher Beziehungen darstelle, während familiäre Beziehungen einen Bedeutungsverlust erleiden.Vgl. Rexroth, Frank u.a.: Verwandtschaft und Freundschaft. Begriffsbildung und methodische Zugänge in den verschiedenen Wissenschaften. http://www.eth.mpg.de/events/pdf/1076500287-03.pdf ; S. 6, Stand: 12.02.2004